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Dienstag, 14 Februar 2012 20:29

Renovation MS Schwyz - Aus für Langsamläufer

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Wenn das neue, noch namenlose Panorama-Schiff NPS im Frühling die Werft der SGV (Shiptec) verlässt wird im Herbst wieder ein Schiff mit einer Yacht-Schale die Werft beherbergen. Die Rede ist vom SGV-Motorschiff Schwyz. 2,7 Millionen Franken bewilligte der VR für den Umbau, inklusive den Ersatz der letzten Sulzer-Schiffsdieselmotoren der SGV-Flotte. Für mich die gute Nachricht vorab: der Umbau wird begleitet durch das Design-Büro Judel/Vroljik aus Bremerhafen mit dem Ziel, die Atmosphäre der 60-iger Jahre aufleben zu lassen.

Die Renovation bringt aber auch schiffshistorische Nachteile: der heimelige „Sound“ der Schwyz-Motoren, das Zweitaktstampfen, das je nach Windverhältnisse aus weiter Distanz zu hören ist, das schiffige Knurren wird nachher ein für alle Mal verschwunden sein. Michael Roost, schweizweit Kenner und Freak von Dieselmotoren kämpft seit Jahren um den Erhalt technisch wertvoller Exponate. Auch im Fall der Schwyz-Motoren argumentiert er mit fundiertem Wissen für den Erhalt, meint aber einleitend: „Es steht mir nicht zu, den unternehmerischen Entscheid des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung zu kritisieren. Er ist mit Sicherheit wirtschaftlich und ökologisch begründet, ist aus Sicht der Verantwortlichen Sachzwang im Hinblick auf die weitere Verwendung des Schiffes.“

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Trotzdem, so fährt er nachdenklich fort: „Der Entscheid der SGV stimmt mich traurig. Mit dem Ersatz der beiden aus den 50-er Jahren stammenden Sulzer-Diesel 6TW24 verschwinden die meines Wissens bald letzten langsamlaufenden Dieselmaschinen auf Schweizer Gewässern. Nebst einigen Güterschiffen auf dem Rhein ist nur noch im Motorschiff Stein am Rhein der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) ein solcher Motor in einem Kursschiff als klassischer Langsamläufer anzutreffen.“

Damit verlieren wir einen der letzten Zeugen des Schweizer Industrie-Know-Hows im Maschinenbau der 50-er Jahre, der infolge Innovation und hoher Qualität auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig war. Wo werden kommende Generationen Zeitzeugen helvetischer Ingenieurskunst im Bereiche der Thermodynamik in Aktion bewundern können? Auf Fotos, in Museen? Ausgestellte Museumsstücke sind sicher interessant zur Instruktion, aber nur in Betrieb stehende Maschinen, duftend, stampfend, sich (und den Betrachter!) bewegend, vermögen Er-Lebnisse zu vermitteln wie das bei den Dampfschiffen der Fall ist.

Michael Roost: „Mit dem Umbau der Maschinenanlage verliert die ‚Schwyz’ ihre Seele, ein integraler Bestandteil, der – wie viele Kenner der Szene meinen – das Wesen des stolzen, maritim anmutenden Kreuzers ausmacht. Wo bleibt das grollende Stampfen, das unverwechselbare Anlassgeräusch des Druckluft-Startens?“ So bleibt der Sommer 2012, so viel wie möglich mit der „Schwyz“ unterwegs zu sein; das Schiff hat keinen festen Kurs mehr und wird als Reserveeinheit mit wenigen, dafür abwechslungsreichen Kursspezialitäten aufwarten. Auch Michael Roost wird vermehrt auf dem Vierländersee anzutreffen sein. Er meint abschliessend: „Was schon auch etwas weh tut: alle Welt rennt den wunderschönen Dampfschiffen nach, weist mit Stolz (und Recht) auf den Kampf und die erreichte Erhaltung historischer Zeitzeugen hin, verweist auf die zuweilen fast pedantisch anmutende originalgetreue Wiederherstellung von Originalzuständen – der Ersatz der letzten Zeitzeugen einer einst zur Weltspitze gehörenden Dieselmaschinen-Industrie (Saurer, Sulzer, SLM und weiterere) vermag (fast) niemanden zu mobilisieren, lockt keinen 'Hund hinter dem Ofen' hervor. Aber ich erlaube mir zu sagen: Schade!“

Die imposante „Schwyz“, im Stil des italienischen Schiffdesign Ende der Fünfzigerjahre erbaut legt in Beckenried an (15.05.11) - Die „Schwyz“ verfügt als maschinentechnische Rarität immer noch über ihre originalen langsamlaufenden Sulzer-Motoren - Heckpartie mit Anfahrt in Brunnen (06.07.07) - rechts: das Typenschild am Steuerbordmotor (Text und Schiffsfotos: H. Amstad, Fotos Maschine M. Bisegger)

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Markus Meisinger Freitag, 02 März 2012 18:57 gepostet von Markus Meisinger

    Danke für diesen tollen Beitrag. Das Hauptproblem dürfte die Sichtbarkeit der Dampfmaschine sein. Die Maschine fasziniert einfach alle - vor allem die jüngsten Passagiere. Auch bei den historischen E-Loks ist es enorm schwierig, mehr Menschen zu begeistern als lediglich die Generation der Zeitzeugen. Der Erhalt der Schwyz-Motoren ist aus meiner Sicht jedenfalls wünschenswert. Und was man mit "Wiederherstellen der 60er-Jahre" meint, so habe ich grosse Befürchtungen. Bei der Renovation von MS "Gotthard" hat man auch so argumentiert. Vielleicht gibt es auf der "Schwyz" wenigstens noch Tischtücher. Auf eine Kaltbeleuchtung freue ich mich jedenfalls nicht. Der echten "Schwyz" werde ich jedenfalls nachtrauern - wie schon so manchem auf diesem schönen See.

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