plus minus gleich
Samstag, 29 September 2012 20:27

Küstenschifffahrt Lac Léman: Grenzgängerverkehr mit Radampfern

Artikel bewerten
(28 Stimmen)

concordia_1

concordia_1

concordia_1

concordia_1

Grenzgänger arbeiten in der Schweiz und wohnen im benachbarten Ausland. Täglich sind so Zehntausende als Pendler unterwegs, auch mit dem Schiff über den Boden-, Luganer- oder Genfersee. Ich schlüpfe in diese Rolle und mische mich unter die französischen Navetteurs, ein Ausdruck, den ich für die Frontaliers an Bord gehört habe. So bringen auf dem Genfersee jeden Morgen an Arbeitstagen bis zu fünf Schiffe auf 11 Kursen weit über 1000 Grenzgänger von Evian, Thonon und Chens-sur-Léman nach Nyon und Lausanne und am Abend wieder zurück. Einzelne Schiffskurse werden dreifach geführt, Tendenz steigend.

Da auf den Schnellschiffen Coppet und Genève dringende Revisionsarbeiten nötig waren, erhielt der grösste CGN-Raddampfer La Suisse die Ehre, morgens früh (Ouchy ab 05.40) und abends spät (Ouchy an 20.20) die Navetteurs aus Thonon zum Arbeits-, rsp. Wohnort hinzufahren. Am Donnerstag-Abend, 27. September, ist wegen Extrafahrten sogar DS Montreux zusätzlich auf der „Ligne 2“ nach Thonon eingesetzt. Abends um halb sechs besteigen rund 250 Frontaliers das herrliche Schiff, mit ihnen fünf „Exoten“, sprich Schiffsfans, die sich diese einmalige Gelegenheit nicht entgegen lassen wollen. Jean Vernet, ein Kenner der Genfersee-Szene (http://www.cgn02.ch/) ist auch einer davon: „Es kam gar noch nie vor, dass die „Montreux“ eine Kursfahrt nach Thonon ausführte, absolut einmalig“. Draussen findet ein meteorologisches Schauspiel statt: grosse Wellen preschen gegen die Schaufelräder der „Montreux“, Regen prasselt nieder, ein steifer Gegenwind rüttelt am Schiff. Gleissende Abendsonne vom Jura her, rabenschwarze Wolken über uns und gegen Osten hin. Das Schiff stampft, Wasser tropft an mehreren Stellen aufs Mitteldeck, wo sich die Pendler auf den Seitenbänken an der Wärme aufhalten. Ganz wenige gehen nach draussen und fotografieren die Szenerie. Die andern schlafen, gamen, lesen, schreiben oder lernen, jassen, bearbeiten Mails, stricken oder haben die Stöpsel im Ohr. Angesprochen auf diese Wetterszenerie, die Weite des Lémans und der Pendleratmosphäre an Bord meint Beat Zumstein, der die Überfahrt auf der „Montreux“ auch geniesst: „Schön, dass es so was gibt in der Schweiz: Das ist Küstenschifffahrt“.

 grenzgangertext

Wie die „echten“ Grenzgänger steige ich in Thonon aus und übernachte hier, um dann am nächsten Morgen mit dem zweiten Pendlerschiff des Morgens, mit dem Raddampfer La Suisse um 06.30 Uhr zurück zu fahren zur Arbeit, die dann halt wegen meinem doch langen „Pendlerweg“ für mich erst am Nachmittag beginnt. Ich erkenne zum Teil die gleichen Leute von gestern Abend, so die Ergotherapeutin, die im Kantonsspital in Lausanne ihrem Job nachgeht: „J’aime ce trajet de travail avec le bateau, je me peux bien reposer“. Angesprochen ob Navibus oder Raddampfer weicht sie etwas aus und meint sinngemäss, dass der 20 Minuten-Unterschied der Fahrzeit pro Weg schon was wert sei, um am Morgen länger zu schlafen und am Abend früher zu Hause zu sein. Dass jetzt diese Schnellboote auch mal in Revision müssten störe aber niemanden. Von Thonon aus fährt sie jeweils noch 10 Minuten mit dem Auto, bis sie zu Hause ist. Es gibt auf der „La Suisse“ sogar einen Kaffee, was sehr viele zu schätzen wissen – die Kolonne vor den 2.-Klassbuffet ist lang. Die „La Suisse“ steht an diesen Tagen 15 Stunden im Einsatz und legt dabei um die 200 Kilometer täglich zurück. Wir fahren in dunkler Nacht in Thonon ab, überqueren den mysthischen Lac Léman im Dämmerungsprozess dem Morgenrot entgegen und just in Lausanne bei der Ankunft um halb Acht geht die Sonne auf: herzergreifend schön!

Abenddämmerung in Thonon: die „Montreux“ fährt auf dem Kurs 1224 zurück nach Lausanne. Die „La Suisse“ nimmt am andern Morgen am gleichen Ort wiederum über 200 Pendler auf den Kurs 1204 mit in die Schweiz. Der Salon der „La Suisse“ aus Sicht der Pendler. So lange die Fahrt dauert, so lange braucht die Nacht Tag zu werden. Text und Bilder H. Amstad

Schreibe einen Kommentar