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Sonntag, 21 Oktober 2012 20:18

21.08 Uhr: die Sulzer Motoren der "Schwyz" stehen für immer still

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Es war ein bewegender Moment, zum Abschluss dieses aussergewöhnlichen Sonntags. Der verantwortliche Schiffsführer der „Schwyz“, Ruedi Lötscher, stellt um 21.08 Uhr zum aller letzten Mal nach einem erlebnisreichen Tag die beiden Sulzer-Schiffsdiesel 6TW24 ab. Das Schiff steht vor den grossen Toren der Werfthalle, durch diese dann am 25. Oktober das Schiff auf Helling gezogen wird. Ruedi Lötscher steht im Maschinenraum, er lässt jeden Motor ein letztes Mal kurz auf 400 Touren hochfahren und dann folgt für kurze Zeit traurige Stille. Nach über 50 000 Betriebsstunden verstummen die Motoren. Ruedi richtet sinnige Worte an die Runde und giesst anschliessend symbolisch wie bei einer Beerdigung mit Erde einen Schluck Champagner über den mannshohen Steuerbordmotor. Die Druckluft wird abgelassen. Lötscher: „Der letzte Atemzug“. Wir sind Zeugen, wie eine technikgeschichtliche Epoche zu Ende geht.

Zuvor war einiges los an diesem Saisonende: wolkenloser Himmel, traumhafte Herbsttemperaturen, das Rütli-Pistolenschiessen, die UBS- und SBB-Ferienpass-Aktion und die Aussicht, dass der Winter wieder lang sein wird, trieben die Leute förmlich nach draussen, auf die Berge und vor allem auf die Seen. Zum wiederholten Mal zählt die SGV über 31 000 Tagesfrequenz, drei Dampfschiffe stehen untätig in der Werft, Hunderte von Leuten versuchen vergebens, einen Platz auf den Schiffen zu erhaschen, der Kurs 13 zum Beispiel verlässt Luzern mit 1 900 Fahrgästen (DS Stadt Luzern und MS Winkelried), so was gab es im Herbstfahrplan noch nie.

Auch die Schiffs-Agentur war an diesem Tag unterwegs und nahm die Ausrangierung der historischen Zweitakt-Motoren der „Schwyz“ zum Anlass, noch andere „Diesel-Leckerbissen“ zu bieten. Gestartet sind rund zwei Dutzend Teilnehmende im Verkehrshaus der Schweiz VHS. Leider war das erste Vergnügen etwas getrübt: dem VHS und der ausführenden Firma Shiptec gelang es nicht, im Vorfeld den legendären Schiffsdiesel 2RKW20 des Rheinschiffes Neptun 8 (mit gleichem Jahrgang wie MS Schwyz) zum Laufen zu bringen. Um so erfreulicher war dann die Tatsache, dass uns der FBW/Hess-Grossraumautobus „B71H Nr. 81“ mitten auf dem Museumsinnenhof abholte, sozusagen zwischen der DC 9 und DS Rigi. Der Bus mit Jahrgang 1955 begleitete nun MS Schwyz mit Jahrgang 1959 auf der letzten Kursfahrt und bot vom Ufer aus zahlreiche Fotografiermöglichkeiten. Um im Flora-Alpina, einem hübschen Aussichtspunkt und Hotel zwischen Vitznau und oberer Nas gelegen, die „Schwyz“ auf ihrer letzten Fahrt mit den Originalmotoren fotografisch zu dokumentieren, musste unser Chauffeur Kaspar Bechter vom Verein vbl-historic grad „Gas“ geben, denn der Landweg war über Küssnacht um einiges länger.

Beim nächsten Fotohalt bei der Kindlikapelle zwischen Gersau und Brunnen war „Showtime“ angesagt. Die „Schwyz“ dreht wunderbare Pirouetten in der Bucht des Gersauer Strandbades, die Motoren zeigen ein letztes Mal, was noch in ihnen steckt. Auf der anschliessenden Traverse nach Treib bringen die 53-jährigen Motoren das Schiff mit 410 Touren auf 28,7 km/h. In Brunnen besteigen die Reiseteilnehmenden nun die „Schwyz“, um die aller letzte Zweitaktmotoren-Fahrt zurück nach Luzern zu geniessen. Nachdenkliche, aber zufriedene Gäste blicken auf einen besonderen Tag zurück.

Bilder: Blick vom Bus aus auf die „Schwyz“ bei der Kindlikapelle, besonders war dabei auch das Lauschen des typischen Brumm-Motorengeräusches der beiden Zweitaktmotoren (Bild M. Bisegger). Die Schiffs-Agentur war der erste Kunde des zwei Tage zuvor gegründeten Vereins „vbl-historic“, hier sehen wir die beiden Verkehrsmittel aus den Fünfzigerjahren in Brunnen beim Eindunkeln vor dem mächtigen Uri-Rotstock. Ruedi Lötscher nimmt auf der Sonderfahrt nicht nur Abschied von den alten Motoren, sondern auch von seiner „Schwyz“; er wird künftig andere Schiffe führen. Und ein letzter Blick in den Maschinenraum, der nun bereits Geschichte ist. (Text und übrige Bilder H. Amstad)

Link: Renovation MS Schwyz

Dank: Die Schiffs-Agentur durfte mit This Oberhänsli (VHS), Mario Gavazzi, Ruedi Lötscher und Team SGV auf tatkräftige Unterstützung zählen, herzlichen Dank!

4 Kommentare

  • Kommentar-Link elmar wieders Samstag, 27 Oktober 2012 06:22 gepostet von elmar wieders

    das tönt wie auf einer beerdigung. die ms schyz wird doch nicht nicht mehr fahren. freuen wir uns auf neues. woher wiss die dampfschiffahrtsgesellsch. das am sonntag schönes wetter ist?

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  • Kommentar-Link Pascal Dietrich Freitag, 26 Oktober 2012 20:56 gepostet von Pascal Dietrich

    Merci für den spannenden Bericht.

    Was die SGV-Einsatzplanung angeht: "Drei Dampfschiffe stehen untätig in der Werft." Dazu ist kein weiterer Kommentar nötig. Was muss wohl noch passieren, damit die trägen, satten, selbstzufriedenen und konfliktscheuen Dampferfreunde (bzw. der Vorstand) endlich wieder erwachen?!? Vielleicht wenn die "Gallia" in ihrem Jubeljahr schon Mitte August eingemottet wird?

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  • Kommentar-Link Ruedi Lötscher Freitag, 26 Oktober 2012 09:11 gepostet von Ruedi Lötscher

    Lieber Heinz
    Liebe Freunde der Schifffahrt und der Schiffsagentur

    Ich möchte mich nochmals herzlichst für euer wirken in der Schifffahrt und insbesoners um "MS Schwyz" bedanken.

    Die nette E-Mail von Heinz mit den tollen Fotos sind für mich ein ehrendes Andenken.

    Herzliche Grüsse

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  • Kommentar-Link Irma Reiners Donnerstag, 25 Oktober 2012 20:06 gepostet von Irma Reiners

    Schön, dass ihr dem Schiff einen so würdigen Abschied bereitet habt!
    Irma

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