plus minus gleich
Montag, 10 Dezember 2012 22:18

Bergbahnmatrosen

Artikel bewerten
(13 Stimmen)

Der Fahrplanwechsel bringt Veränderungen. Neue Schifffahrtsangebote werden kreiert, andere werden abgeändert oder gestrichen. Mit dem Fahrplanwechsel von gestern geht die Ära des "Bergbahnmatrosen" auf dem Vierwaldstättersee zu Ende. Selber durfte ich in den letzten sechs Winterhalbjahren das Kurschiff Tilis oder Mythen von Brunnen nach Treib führen, dort für eine halbe Stunden vertäuen und während dieser Zeit die über den See gebrachten Fahrgäste mit der bis 38% steilen Standseilbahn weiter nach Seelisberg auf 800 Meter über Meer begleiten. Die Fahrt über die gut einen Kilometer lange Bergbahnstrecke brachte Abwechslung in meinen Berufsalltag als Schiffsführer. Mir gefiel es von den Regenschauern im Tal in eine wunderschöne Schneelandschaft zu fahren und auf den See runter zu sehen, Rehen und anderen Wildtieren entlang der Bahnstrecke zu begegnen oder einfach aus dem Nebel heraus zu kommen.

Die praktische Kurzausbildung als Wagenführer war spannend. Trotz der maximalen Fahrgeschwindigkeit von bloss 3.5 m/s sollte man die Wirkung eines Notstopps nicht unterschätzen. Schnell wirkende Bremsen bringen das Fahrzeug in kürzester Zeit zum Stillstand. Wer - wie ich - glaubt, er müsse sich wegen der geringen Geschwindigkeit nicht festhalten, findet sich rasch am Boden wieder. Im Gegenzug zum Schiffspersonal, welches die Bergbahn bediente, wurde auch Personal der Treib-Seelisbergbahn als Matrose ausgebildet und begleitete die Schiffskurse auf der "Titlis" als Besatzungsmitglied. Sie ergänzten das SGV-Team ab Brunnen und freuten sich über die Abwechslung an Bord. Neue Angebote wie das Fondue- und Jassschiff oder auch kurzfristige Extrafahrten wurden dadurch vermehrt möglich.

Dass mit dem gestrigen Fahrplanwechsel die polyvalente Funktion "Bergbahnmatrose" der Vergangenheit angehört, erfüllt mich ein bisschen mit Wehmut, gerne erinnere ich an die tolle Zusammenarbeit mit dem Bergbahnteam der TSB zurück. Die Abkehr vom bewährten Bergbahnmatrosensystem bringt für die Region auch Vorteile: So sind die Fahrplanzeiten am Morgen ideal verteilt, es konnte für die Bewohner von Seelisberg wie gewünscht ein optimaler 2-Stunden-Takt nach Brunnen erreicht werden. Nachdem auch auf dem Zugerberg/Zugersee keine polyvalenten "Bergbahnmatrosen" mehr existieren, ist diese vom "Aussterben" bedrohte "Berufsgattung" in Mitteleuropa nur noch auf dem Wolgangsee/Schafberg in Österreich zu finden. Siehe auch hier.

Bild 1: Bergbahn-Matrosen bei der Ausbildung an Bord von MS Titlis. Bild 2: SGV-Motorenwart Jörg Fankhauser bei der letzten Bergbahnmatrosenfahrt auf den schneebedeckten Seelisberg am 8. Dezember 2012. Bild 3: Zusammenarbeit für die einstige Fonduefahrt ab Brunnen und Treib. Bild 4: Winterliche Nebelfahrt zwischen Brunnen und Treib. Text M. Bisegger, Bilder C. Näpflin (TSB) und M. Bisegger

 

 

 

Schreibe einen Kommentar