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Dienstag, 29 Januar 2013 21:31

Winterliche Frachtschiffreise auf Rhein und Mosel

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Es ist der 12. Januar 2013. Erwartungsvoll schaue ich in Duisburg den vielen Frachtschiffen auf dem Rhein zu. Am späteren Nachmittag sollte ich ebenfalls an Bord eines Schiffes sein. Bei Globoship, dem Schweizer Spezialisten für Frachtschiff-Schiffsreisen weltweit, habe ich für eine Woche eine Kabine auf der „Seestern“ gebucht. Da erreicht mich das Telefon des Kapitäns, dass aus dem späteren Nachmittag ein späterer Abend wird und ich mich gegen 20.00 Uhr am Liegeplatz oberhalb der Schleuse Duisburg-Meiderich einfinden soll. Wegen längerer Ladezeiten und Wartezeiten an Schleusen kann man sich auf einer Frachtschiffreise eben nicht auf einen Fahrplan wie bei einem Kursschiff verlassen, meinte Urs Steiner, Leiter von Globoship, bereits bei der Buchung. So löste ich noch eine Bus-Tageskarte und schaute mich in Duisburg um, wo die Binnenschiffer Deutschlands und der Schweiz ausgebildet werden. An der Schleuse war die „Seestern“ noch nicht in Sicht und aufgrund der Januar-Kälte wurde ich im Schleusen-Büro zum Tee eingeladen. Auf dem AIS-System konnte man erkennen, dass die „Seestern“ noch weiter im Rhein-Herne-Kanal zurück lag.

Nach einem 14-stündigen Arbeitstag wurde ich von Kapitän Franz Schramm auf dem Frachter begrüsst. Er zeigt mir meine Kabine, die ehemalige Matrosenunterkunft und verschwindet gleich wieder, um im Motorenraum die Feierabendpflege der alten, langsam laufenden Deutz-Motoren zu übernehmen. Das 1962 in Deutschland erbaute Schiff transportiert verschiedene Güter über die Binnengewässer Europas. Heute hat die 80 Meter lange und 9 Meter breite „Seestern“ Betonteile für ein Windkraftwerk geladen. Nach einem intensiven Arbeitstag für Kapitän Franz und seine (Steuer-)Frau Sonja gibt’s ein währschaftes Nachtessen in der Kapitänskammer. Der Bordhund Stella begrüsst mich ebenfalls und ist darauf bedacht, dass mir etwas Essbares vom Tisch fällt...

In den folgenden Tagen werden wir vom Rhein-Herne-Kanal auf den Rhein geschleust und fahren diesen weiter aufwärts in Richtung Koblenz und auf der Mosel bergwärts Richtung Trier. Kapitän Franz ist einer der letzten Partikuliere Deutschlands, immer mehr Schiffer geben den interessanten aber harten und durch die niedrigen Frachtpreise schlecht bezahlten Job als Kapitän und selbständiger Schiffseigentümer auf. Auf dem Markt sind kaum noch Frachtpreise erhältlich, die das Überleben des Kleinbetriebs sichern. So entschloss sich Franz, die Matrosenkammer für Gäste wie mich zur Ferienwohnung umzubauen um Zusatzeinnahmen zu generieren. Bereits um 5 Uhr morgens geht’s los. Die „Seestern“ legt ab und fährt mit der Ladung und mir den Rhein aufwärts. Um 9 Uhr serviert Sonja im Steuerhaus ein feines Frühstück. Auch das Mittagessen als leichte Suppen-Mahlzeit wird im Steuerhaus eingenommen. Zeit ist Geld und nur ein fahrendes Schiff bringt Ladung von A nach B. Genau aus diesem Grund fährt auch Hans-Willi, ein Kollege der Schramm’s, mit und erledigt an Bord während der Fahrt einiges zum Schiffsunterhalt. Er repariert den Bugstrahlmotor und schweisst um die Luke am Bugraum einen erhöhten Rand an, weil dies neu so Vorschrift ist.

Nach einem langen Arbeitstag serviert uns Sonja einen feinen Hackbraten aus dem Ofen. Sonja kocht nicht nur für Mannschaft und Gäste: Sie besorgt Einkauf und Haushalt, ist als Matrosin zuständig für das Festmachen des Schiffs in den Schleusen und am Steg sowie für die Motorenkontrolle und die Schmierung der alten Deutz-Maschine. Der eindrückliche Motor aus dem Jahre 1962 hat 1000 PS und muss mehrmals täglich geschmiert werden. Der historische Motor wird nicht etwa aus denkmalpflegerischen sondern aus rein finanziellen Gründen sauber gewartet. Geld für eine neue Maschine fehlt. Oben an der Mosel in Trier löschen wir unsere Ladung. Kapitän Franz hat bereits eine neue Ladung organisiert, die er im Luxemburger Hafen Mertret einladet. Während der Talfahrt durch die eindrücklich verschneiten Mosel-Weinberge geniesse ich ein letztes Mal die Ferien und laufe vorsichtig über die mittlerweile gefrorene Gangway.

Text und Bilder M. Bisegger

 

 

 

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