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Samstag, 09 Februar 2013 19:37

DS Hohentwiel: der letzte Bodensee-Raddampfer feiert den 100. Geburtstag

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100 Jahre werden dieses Jahr nicht nur der Dampfer Gallia (SGV) und das ehemalige Schraubendampfschiff Torino (Lago Maggiore), sondern auch der letzte Raddampfer des Bodensees, die „Hohentwiel“. Die Schiffs-Agentur besucht die Jubilarin am 1. Juni (Anreise am 31. Mai) und macht eine gut vierstündige Fahrt mit ihr*.

Zur Einstimmung berichtet der schiffsbegeisterte Fachjournalist Mario Gavazzi über die Rettung dieses Juwels: „Ich habe in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts die mehrjährige Renaissance dieses einmaligen, wunderschönen Zeitzeugen miterlebt, begonnen anno 1984, als er als Rosthaufen in Bregenz und später in Fussach vor dem Abbruch stand und in allerletzter Minute gerettet wurde. Einige Glücksfälle führten dazu, dass sechs Jahre später, am 17. Mai 1990, der Dampfer wieder in Betrieb gehen durfte. Es brauchte nebst Glück auch engagierte Menschen, die fachlich und kulturell Grösse bewiesen haben. Da war der vor gut drei Jahren verstorbene Politiker Landratspräsident Klaus Henninger aus Lindau, der die politischen Weichen für die Rettung grenzüberschreitend stellte. Sein Motto habe ich in guter Erinnerung, als er jeweils sagte: ‚Möge uns die ‚Hohentwiel’ weiter bringen’. Das hat Henninger erreicht, in jeder Beziehung und dies aller Widerwärtigkeiten zum Trotz.

Dann war der Schiffsingenieur Reinhard Kloser aus Hard am österreichischen Bodensee-Ufer, bei dem sich mehrere Tugenden in einer Person vereinten: Führungsstärke, immer das richtige Ziel vor Augen haltend, hochsee-erfahren und auch im Maschinenbereich versiert. Er war dann erster Kapitän anno 1990 und dies bis zu seiner Pensionierung. Und was wäre heute die ‚Hohentwiel’ ohne die guten Geister vom Vierwaldstätter- und Zürichsee, Mitarbeiter der beiden Schifffahrtsgesellschaften, welche der Crew des wieder entstehenden Schiffes das Dampfschiff-Fahren zwischen Maschinenraum und Kommandodeck vermittelt haben. Ich erinnere mich an Namen wie Alois Kaufmann und Beat Kallenbach, Kapitäne SGV, Heimo Haas, Maschinist SGV, oder vom Zürichsee die Gebrüder Bertschinger.

Die Wiederherstellung so eines Schiffes vereinte Fachwissen, Herzblut und Überzeugung für eine gute Sache, Durchstehvermögen und ab und zu auch Zufälle sowie das sprichwörtliche Glück. Spannend wurde es am 7. Februar 1990: bei der ersten Probefahrt dampfte das Schiff mit der originalen Escher Wyss-Maschine nach 28 Jahren Stillstand auf Probefahrt über den Bodensee. Ich hatte das Glück, am 18. Februar 1990 zusammen mit Freunden an Bord auf einer der Probefahrten dabei zu sein. Was wir da mit allen Sinnen erleben durften, ging wohl nicht nur bei mir als eine der schönsten Dampferfahrten des Lebens ins Gedächtnis über. Spiegelglatter See, winterlich kalt, wolkenloser Himmel. Es war der Schmutzige Donnerstag, der u.a. auch in Konstanz ein ausgeprägter Faschingstag ist. Unglaublich: Der Hafen Konstanz, sonst im Winter leer, war am Ufer und an den Anlegestellen voll belegt mit Menschen, die meisten kostümiert oder maskiert – und sie warteten auf den Dampfer! Ich glaubte zu träumen, doch das Geschehen war Wirklichkeit!

Nach dem Besuch in Konstanz ging es weiter zur Insel Mainau. Dort wollte der damalige Graf Bernadotte das Schiff persönlich sehen und sich begeistern lassen mit einer grosszügigen Spende. Wir warteten und warteten, der Graf liess sich nicht blicken. Es begann schon zu dämmern, als man mitteilte, der Graf könne nicht kommen, er möchte vom Fenster seines Hauses aus das Schiff grüssen, man könne abfahren... Wir durften dann als zweiten Teil der Probefahrt eine Rückfahrt bei Einnachten über den ganzen Bodensee an den Ausgangspunkt Hard mitmachen: Die Temperaturen gingen bald unter Null, das Bewegen der Maschine, die man auf der gut zweistündigen Fahrt in Schnellfahrt testen wollte, bewegte auch unsere Gemüter! Was für eine Fahrt in den Nachthimmel hinein – Sterne funkelten am Firmament und still genossen wir die Reise. Das Unglaubliche wurde wahr und ab dem 17. Mai 1990, als das Schmuckstück feierlich wieder eingeweiht worden ist, erlebte das Schiff eine Renaissance, wie sie im Bilderbuch steht. Heute steht es nautisch unter der Leitung von Geschäftsführer und Kapitän Adolf Franz Konstatzky und ist damit in sehr guten Händen. In Fachkreisen gilt DS Hohentwiel als das bestrestaurierte Dampfschiff im mitteleuropäischen Raum.“

Zum 100-Jahrjubiläum wiederholen wir die Nonstopp-Fahrt, aber in umgekehrter Richtung: von Hard geht es über den ganzen Bodensee, Meersburg und Mainau vorbei bis zum untersten Zipfel des Schwäbischen Meeres. Dort treffen wir auf über 30 Dampfboote, die in Bodman ein grosses Stelldichein feiern.

1913 erbaut wird die „Hohentwiel“ am 1.11.1962 ausgemustert. Sie steht ab 1964 als Club- und Restaurantschiff im Segelhafen Bregenz (Bild 2). Totalrennovation erfolgt in den Jahren 1984 bis 1990 (Bild 3 1988); auf der einer Sonnenuntergangsfahrt am 1. Juni 2006 (Archivbilder und Foto [4] sowie Textbearbeitung H. Amstad)

*) Die Ausschreibung der Reise ist ab 1. März online (Rubrik Events & Reisen).

 

 

 

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