plus minus gleich
Sonntag, 28 April 2013 19:04

Flusskreuzfahrtschiffe auf dem Po

Artikel bewerten
(12 Stimmen)

1997 eröffnet Hans Kaufmann mit seiner „Venezia“ die Kreuzfahrt auf dem Po: es war eine der vielen Pioniertaten des Inhabers und Geschäftsführers von Thurgau Travel. Die italienischen Medien und die Fach-Presse waren des Lobes voll, die Fahrgäste zeigten sich begeistert von der Kombination Po, Adria, Lagune und Venedig. Die Konkurrenz zog nach: 2003 waren es vier Schiffe: „River Cloud II“ (Sea Cloud), „Michelangelo (CroisiEurope), „Casanova“ (Deilmann) und die erwähnte „Venezia“. Die politische Entwicklung verschlechterte sich zusehends, verschiedene Vorschriften zwang Kaufmann zum Rückzieher. 2010 war noch einzig die „Michelangelo“ anzutreffen. Parallel dazu vernachlässigte Italien die umweltfreundliche Frachtschifffahrt, heute wird alles über die Strasse gekarrt, die Baggerschiffe sind verkauft, der Po versandet zusehends. Während Kaufmann und seine Mitstreiter vor der Jahrtausendwende noch bis zur attraktiven Stadt Cremona hochfuhren, ist heute die schiffbare Strecke halbiert. Wenn es der Wasserstand zulässt fahren die Schiffe 150 km bis Sustinente. Der 652 km lange Strom war zu guten Zeiten bis fast Mailand (Einmündung des Ticino) mit 292 km schifffbar.

Ich war im April 2013 mit MS Bellissima unterwegs. Bellissima heisst übersetzt „die Wunderschöne“. Wirklich schön ist der auf dem Einstiegsdeck achtern gelegene Speisesaal, der ein 270°-Rundblick ermöglicht. Jeder der 130 Plätze hat genug Raum und freien Blick nach draussen. Als „schöne Dame“ kann man ausserdem die äussere Form bezeichnen, wo die Aufbauten gute Proportionen aufweisen. Weniger vorteilhaft ist die Anordnung der Auf- und Abgänge auf dem fast 110 m langen Schiff: Aufs Oberdeck gelangt man stets an der Türe des Steuerhauses vorbei und ins Unterdeck zu den Kabinen führt eine zu steile Treppe vom engen Foyer aus. Die Kabinen sind bedingt durch die imposante Schiffsbreite von 11,42 m zwar recht lang (das heisst zum Aussenfenster hin tief), aber schmal, weshalb am Tag die Betten an die Wand geklappt werden müssen. Das Schiff hat also durchaus charakteristische Eigenschaften. Zu den guten zählen die gute Stabilität (wodurch es wie gemacht wäre für die Adriafahrt) und seine auffallend grosse Laufruhe, wo auch nachts die drei Generatoren selbst in den hinteren Unterdeck-Kabinen kaum wahrgenommen werden.

Diese vom Kapitän gelobte Stabilität kommt nicht von ungefähr: Je nach Ladung und Tankfüllung beträgt die Verdrängung bis 1 700 Tonnen (wovon 120 t Dieselöl, 200 t Frischwasser, 330 t Fäkalien und Ballst); das Schiff ist ausserdem robust gebaut. Denn vor dem Umbau in ein Flusskreuzfahrtenschff im Jahr 2003 war es als Küstenschiff in Polen und Russland unterwegs. Ein holländischer Reeder kaufte zwei der ausrangierten Flottemitglieder und liess sie in Gendt je in ein schwimmendes Fluss-Hotelschiff umbauen: MS Royal Lindavia hiess das eine (die heutige „Bellissima“), ein Jahr später kam 2005 das Schwesterschiff dazu (die heutige „River Art“, auf der Donau eingesetzt). Nach dem Konkurs des Holländers kamen die beiden Schiffe zu Nicko Tours, die sie umtaufte und auf Rhein und Donau einsetzte. Mit einem chinesischen Dockschiff kam dann die „Bellissima“ anfangs 2012 über Gibraltar nach Venedig. Die Saison 2013 begann mit schlechtem Wetter, Sturm und Hochwasser, sodass erstmalig am 14. April 13 ein einigermassen reguläres Angebot möglich wurde (aber ohne Adria-Fahrt). Kaufmann: „Ekkehard Beller, der Inhaber und Leiter von Nicko Tours hat grossen Mut bewiesen, die ‚Bellissima’ in die Lagunenstadt zu verlegen.“

Nun scheint die Po-Schifffahrt allen behördlichen Widrigkeiten zum Trotz einer zweiten „Blüte“ entgegen zu steuern: Nebst der „Bellissima“ (Nicko Tours, Reederei River Advice unter Schweizer Flagge), der „Michelangelo“ (Croisi Europe, französische Flagge) und der „River Countess“ (Uniword für amerikanische Gäste unter holländischer Flagge) wird es demnächst wieder ein viertes Schiff geben: Viking hat angekündigt, eine ihrer Einheiten nach Oberitalien zu verlegen. Der Markt ist vorhanden, die nächsten fünf Wochen der „Bellissima“ sind ausgebucht.

MS Bellissima macht in Polesella zwei Mal auf Ihrer Fahrt Zwischenhalt. In Sustinente steigen die Gäste auf Reede in ein Ausflugsschiff um, das dann auf dem Nebenfluss Nuncio nach Padua fährt. Speisesaal an Bord der „Beillissina“. Von CroisiEurope fährt auch MS Michelangelo ab Venedig in die Lagune und auf den Po. Text und Bilder H. Amstad

 

 

 

Schreibe einen Kommentar