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Sonntag, 19 Mai 2013 12:35

SGV-Parade der stolzen Damen im Föhnsturm

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„Die Parade der stolzen Damen" hiess das freundliche Motto der gestrigen Formationsfahrten auf dem Vierwaldstättersee. Das Thema könnte auch lauten: "Die Pararade der alten Damen". Die fünf Raddampfer und die an der Parade teilgenommenen zwei in ihrer Eleganz ebenfallls bemerkenswerten Motorschiffe Schwyz und Winkelried brachten zusammen 619 Jahre Lebensdauer auf den See. Es gab drei Gründe für diese aussergewöhnliche Galafahrt: die "Gallia" wird in diesem Jahr 100, die "Winkelried" 50 und die "Schwyz" hatte gestern eine Art zweite Jungfernfahrt. Dieses imposante Motorschiff erhielt in den letzten Monaten zwei neue Motoren und eine völlig neue Innenausstattung. Was der SGV an ihrem 175. Geburtstag im letzten September vergönnt war glich gestern Petrus mit einem pachtvollen Wetter aus. Man stelle sich vor: seit Monaten beherrscht nasskaltes Tiefdruckwetter unser Leben. Der nun warme und zu Beginn wolkenlose Föhntag kommt mir vor wie ein unerwartetes Geschenk.

Ich geniesse den Tag an Bord der „Winkelried“ – die Stimmung in Luzern ist fast andächtig, die Fahrgäste stehen wortlos an der Reling und schauen gespannt auf das, was sie erwartet. Scheinbar lautlos gleiten nun die vier Dampfer Unterwalden, Schiller, Uri und Stadt Luzern leicht verschoben rückwärts bis zum Schweizerhof-Quai. Dort nehmen sie die Parade ab; die "Staren" des heutigen Tages Gallia, Schwyz und Winkelried fahren einzeln an ihnen vorbei. Das Spektakel beginnt. Verschiedene Formationen ergeben wechselvolle Impressionen. Unsere „Winkelried“ ist ganz selten an der Spitze des Konvois, weshalb unsere Sicht auf Heckansichten aller fünf Raddampfer beschränkt bleibt. Winkelried-Chef Alois Boog und sein Beimann Andreas Vonlaufen holen die Festbeflaggung ein und orientieren durch die Lautsprecher, dass Sturm angesagt ist. Ein Blick nach Brunnen lässt noch keine solche Schlüsse zu, nachdem wir die beiden Nasen durchquert haben. Wie durch einen Schalter ausgelöst ist er aber da: der Föhn fällt vom Urmiberg herunter und drückt die Schiffe auf Seitenlage. Schön, dass die Kapitäne sich entschliessen, trotz Sturm am geplanten Ziel festzuhalten: dem Urnersee. Der Konvoi teilt sich auf: je eine Schiffsgruppe fährt am linken und rechten Urnerseeufer entlang, um nach einem Wendemanöver sich zu begegnen. Die Hupkonzerte verwehen im Wind.

Zwischen Vitznau und Hertenstein ist Folklore angesagt: Der Kampf ums Blaue Band. Die fünf Raddampfer liefern sich ein Rennen. Die „Winkelried“ und „Schwyz“ bilden die Ziellinie. Trotz meiner anfänglichen Skepsis funktioniert die Inszenierung: Stimmung kommt auf. Und als die „Gallia“ als erste das Ziel durchpflügt steigen hunderte von Ballonen in den gallischen Farben in die Lüfte, womit der letzte Zweifel ausgeräumt wäre, dass das Ergebnis auch den Werbefachleuten bekannt war. Wieso aber entgegen aller Statistiken die schwerfällige „Stadt Luzern“ als zweite ins Ziel kommt und die elegante „Schiller“ als letzte bleibt ein Rätsel und eröffnet Spekulationen unter den Freaks an Bord...

Im Vorprogramm liefern sich die „Winkelried“ und die „Schwyz“ einen eigenen Wettstreit. Dass die „Winkelried“ locker 30 km/h aufs GPS bringt ist bekannt – wie aber verhält es sich mit der „Schwyz“, die auch nach dem Umbau einige Tonnen mehr wiegt, aber neue Motoren hat? Für uns an Bord der „Winkelried“ gibt es ein klares Verdikt: die „Schwyz“ liegt vorne, und das mit gedrosselter Motorenleistung. Ein in vieler Hinsicht einmaliger Event geht zu Ende, während der Föhn an Stärke zunimmt und bis nach Luzern rollt, um dann in der Nacht zusammenzubrechen und der nächsten Schlechtwetterperiode Platz zu machen.

Einmalige Stimmungen bereits beim Start in Luzern. Fünf schwarze Kamine in Reih und Glied vor der oberen Nase. Meterhohe Föhnwellen reichen bis zum Freibord. Die „Schwyz“ erstrahlt nach einer umfassenden Rennovation in altem Glanz. (Text und Bilder H. Amstad)

 

 

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Pascal Dietrich Dienstag, 28 Mai 2013 20:52 gepostet von Pascal Dietrich

    "Wieso aber entgegen aller Statistiken die schwerfällige „Stadt Luzern“ als zweite ins Ziel kommt und die elegante „Schiller“ als letzte bleibt ein Rätsel und eröffnet Spekulationen unter den Freaks an Bord..."

    Das ist überhaupt kein Rätsel: Die Stadt mag schwerfällig aussehen, aber sie verfügt über eine bärenstarke (und deshalb gedrosselte) Maschine. Dass sie trotz der Drosselung locker 29,5 km/h erreicht, weiss man seit Jahren. Sie erzielte auch schon beim letzten "Rennen" (das war ja keineswegs das erste!) die Silbermedaille!

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