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Mittwoch, 14 August 2013 17:36

DS Neuchâtel eingewassert: ein Traum wird Realität

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Auf dem abendlichen Spaziergang zur Baustelle des DS Neuchatel beobachte ich Fans, die das Zelt aufstellen, um am Morgen die ersten zu sein. Ein halbes Dutzend Mitarbeitende der Shiptec Luzern Feierabend machen nach Sonnenuntergang Feierabend und geben den ersten Schaulustigen Auskunft. Noch einmal schlafen, dann ist es so weit: der "Stapellauf" der "Neuchatel" steht kurz bevor. Als ich heute am 14. August um 0615 Uhr auf den offiziell deklarierten und sauber ausgeschilderten Schauplatz komme ist die Wasserung der "Neuchatel" bereits im Gange. Letzte Vorbereitungsarbeiten starteten um halb sechs, jetzt hebt sich das 46 m lange und im Rohbau rund 150 Tonnen schwere Schiff im Zeitlupentempo in die Luft. Das Kranmonster der Firma Fanger aus Sachseln bewegt sich anschliessend auf seinen Metall-Raupen Richtung Wasser mit der millionenteuren Fracht. Dabei knirschen und ächzen die Eichenbalken weit herum laut hörbar. Sie bilden sozusagen die Fahrpiste für die Krananlage, schonen so die Unterlage und verhindern ein Einsinken. Nach gut einer Stunde sind die beiden Vorgänge Heben und Fahren bereits abgeschlossen, bevor nun die erste von zwei Geduldsproben für die rund 1000 Zuschauenden anfängt. Bevor nun der vordere Kranteil ausschwenken kann und das Schiff über das Wasser bringt, muss das Gegengewicht massiv erhöht werden. Tonne um Tonne stapelt nun ein Hilfskran den Ballast auf einen Seilzug des hinteren Kranarmes. Zeit, sich einen Kaffee am herbei gekarrten Buffetwagen zu genehmigen oder sich am ebenfalls improvisierten Infostand von Trivapor schlau zu machen. Das nun von der Morgensonne beleuchtete Sonnenblumenfeld gleich daneben steht in fotografischer Konkurrenz zum Spektakel im Gegenlicht eines scheinbar fliegenden Raddampfers.

Das Schiff ist im Rohbau fertig, die Malerarbeiten abgeschlossen. Die Treppen zum Vorschiff und zum Halbsalon wurden bereits als stabile Eichenkonstruktion erstellt. Als Attrappe erscheint die originale Ankerwinde des DS Berna auf dem Vordeck; als klassifizierter Neubau muss die „Neuchâtel“ eine moderne Ankerwinde und einen neuen Anker haben. Die Schiffsglocke des DS Neuchâtel fehlt und ist nicht auffindbar, Trivapor überlegt sich, eine Kopie der Glocke des DS Fribourg in Portalban anfertigen zu lassen. Da der Fäkalientank und der Generator im Vorschiff bereits eingebaut sind, die Verglasung im Hinterschiff aber noch fehlt, mussten für den „Seilakt“ am Heck Wassertanks aufgeladen werden für das Gleichgewicht.

Jetzt geht es wieder vorwärts: das Schiff senkt sich flott Richtung Wasser, bis 30 cm davor ein weiterer Stopp eingeschalten wird. Zum einen wird das Schiff gesichert, damit es dann nicht "davon schwimmt", zum andern werden alle Sicherungsvorrichtungen gelöst, die für die "Luftfahrt" nötig waren. Nun berührt die "Neuchatel" nach drei Jahren Rennovation zum ersten Mal wieder das Wasser - verhaltener Applaus, der grosse Kick findet nicht statt, ein Feuerwerk (auch der Emotionen) bleibt aus. Drei Arbeitsboote bringen nach vier Stunden geglückter Operation den Raddampfer einige Hundert Meter broyeaufwärts, wo nun bis zum kommenden April noch viel Arbeit ansteht.

Ein richtiger Freudentag ist das. Auch für viele Trivapor-Aktivisten, von denen mir einige heute „über den Weg laufen“. So Sébastien Jaccobi, der in der Projektstartphase als Sekretär eine enorm wichtige Rolle spielte, für Hans Gasser, der mit viel Herzblut immer zur Stelle war, wenn es nach Arbeit "roch", Oliver Bachmann, dem es gelang, immer wieder die richtigen Leute zusammen zu bringen, um das Projekt am Leben zu halten, Vereinspräsident Willy Schaer, der geschickt lobbysiert hat und Marc Oesterle, um nur einige zu nennen. Mit Marc Oesterle konnte ich mich am Schluss ausführlich unterhalten. Er war es, der in kritischen Phasen jeweils mit match-entscheidenden Summen dem Verein Trivapor unter die Arme griff. Bezüglich seinem befallenen Dampfschiffvirus meint er: "Alles hat mit einem Hund angefangen" und erzählt mir eine rührige Geschichte, die das Leben schreibt. Auch heute ist sein Hund dabei: "Es ist mein 16." Oesterle hat die Einwasserung heute an Bord des DS Sirius erlebt und geniesst nun auf einem Bänklein sitzend in unmittelbarer Nähe zum Schiff den Anblick des strahlend weissen Dampfers mit den roten Scheuerleisten: "Ich bewundere diese Menschen, die das alles geschaffen haben."

Noch eine Nacht, und der Stapellauf steht bevor; wie MS Schwan vor einer Woche ist DS Neuchatel für kurze Zeit ein Luftschiff; die Wasserung ist geglückt; Marc Oesterle ist mit dem bisher Erreichten sehr zufrieden. Bild 4: O. Bachmann, Text und übrige Bilder H. Amstad

Beitrag vom Schweizer Fernsehen: http://www.srf.ch/sendungen/schweiz-aktuell/paradeplatz-vom-schweinemarkt-zum-bankenplatz

 

 

 

 

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