plus minus gleich
Sonntag, 25 August 2013 20:57

100 Jahre DS Fribourg – seit 1966 an Land

Artikel bewerten
(24 Stimmen)

 

 

 

Was der Schiffsbau von Escher Wyss mitten in Zürich 1913 geleistet hat, ist unglaublich. Es war Ausdruck einer aussergewöhnlichen Aufbruchstimmung in Europa, kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges. Escher Wyss baute Dampfschiffe sozusagen „am Laufmeter“: die „Hohentwiel" für die Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen des Bodensees (Link), die „Gallia“ für die Dampfschifffahrts-gesellschaft Vierwaldstättersee und die „Berna“ für den Bielersee. Auch der Neuenburgersee erhält 1913 ein neues Schiff aus dem Hause Escher Wyss: die „Fribourg“, ein Schwesterschiff der „Neuchâtel“, die ein Jahr zuvor geliefert wurde. Die „Stadt Rapperswil“ für den Zürichsee ist im Bau und auch die Kiellegung für die „Lötschberg“ (Brienzersee) ist bereits erfolgt. Nebenbei sei erwähnt, dass auch andere Werften – wenn auch nicht in diesem Umfang – im gleichen Jahr Raddampfer in Betrieb stellen: Sulzer Winterthur baut DS Valais für den Genfersee sowie die "Schaffhausen" für den Untersee und Rhein und die Werft Sachsenberg ein Raddampfer für den Rhein: die heute noch fahrende „Goethe“.

All die genannten Dampfschiffe könnten theoretisch heute noch fahren. Wenn ich mir vorstelle, für wie lange heute Industrieprodukte produziert werden, waren diese Produkte sehr nachhaltig. Erfreulich, dass einige Raddampfer mit Glück und unter besonderen Umständen bis heute überlebt haben: „Goethe“, „Gallia“ und „Hohentewiel“ als fahrende Industrie- und Kulturdenkmäler sowie DS Fribourg als Restaurantschiff in Portalban/FR. Ich habe das Schiff zusammen mit einem Zentralschweizer „Seegusler“ besucht. Auf dem Landweg ist Portalban gar nicht leicht anzusteuern, auf dem Seeweg hingegen von Neuchâtel aus ganz einfach. Das Schiff wirkt wie ein optischer Angelpunkt eines Dorfplatzes: dominant steht es vor dem Hotel Saint-Louis, das mittels eines breiten Anbaues mit dem Schiff verbunden ist. Wie kommt es dazu, dass ein Dampfschiff 500 m entfernt vom Wasser und 800 m vom Hafen entfernt aufs Land gesetzt wurde? Der Inhaber Béat Keusen gibt Auskunft: „Mon père a eu l’idée de ramener ce bateau à terre ferme.“ Er wollte es vor dem Verschrotten retten und zugleich eine Attraktion ins Dorf bringen: „La raison de mon père est que le ‚Fribourg’ devait normalement partir à la destruction et que c’était un moyen de le sauver.“ Für die Zukunft sieht die Familie Keusen weitere Überlebenschancen für das Schiff, zumal die nächste Generation bereits in den Startlöchern ist: “Pour l’instant, le bateau restera sur terre ferme et que la troisième génération (mon fils, apprenti-cuisinier) pense continuer l’entreprise familiale.“ Der Raddampfer ist der Familie ans Herz gewachsen und sie ist bereit, weiterhin für den Unterhalt aufzukommen: „Il s’agit tout d’abord d’une valeur sentimentale car c’est mon père qui a élaborer ce projet.“

Für uns zwei hinterlässt unsere Visitation aber unterschiedliche Gefühle. Das Herz der „Fribourg“, die 350-PS-Maschine und der Antrieb, die beiden Schaufelräder, wurden 1966 verschrottet. Das Hauptdeck ist verglast und verschafft dem Wirt attraktive Essensplätze. Auch das Vorschiff ist verbaut. Hingegen ist die Struktur des Schiffes inklusive der Rondelle noch gut sichtbar und die Bugkajüte in ihrer Substanz erhalten. Zum Jubiläum ist dort eine Ausstellung eingerichtet, die den 100 Jahren gedenkt. Was aber in jedem Fall einen Besuch lohnt ist die Küche; sie wird sehr gelobt und zieht von weit her Kunden an.

 DS Fribourg, ein Dampfer mitten in Portalban, wird 100-jährig; Blick in die heutige Bug-Kajüte mit Ausstellungsexponaten und einer in den Heck-Salon vor 100 Jahren. Der handcolorierte Plan ermöglicht interessante Einblicke in die Architektur des Schiffes – vielleicht dient der Plan eines Tages der Familie Keusen, gewisse Stilelemente bei einer bevorstehenden Renovation zu pflegen. Bild 4: Archiv Trivapor Neuchâtel, Bild 5: Archiv O. Bachmann, Text und übrige Bilder H. Amstad

Beat Zumstein ergänzt in verdankenswerter Weise: "Im Halbsalon sind noch Reste des ursprünglichen Täfers vorhanden. An den Salonfenstern sind aussen die Fensterläden aus Metall ebenfalls noch vorhanden. In geschlossenem Zustand sind sie z.B. hier ersichtlich:LinkEscher Wyss hat ausserdem in den Jahren 1913 und 1914 die drei grossen Schleppdampfer France, Lorraine und Provence für die Rhone gebaut (Leistung 1000-2000 PS; Vormontage in Zürich, Zusammenbau an der Rhone)."


 

 

Schreibe einen Kommentar