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Samstag, 31 August 2013 18:44

DS Greif: seit 25 Jahren wieder unter Dampf

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Eine einmalige Szenerie erwartet mich auf dem Greifensee am heutigen Jubiläumsanlass „25 Jahre Revaporisierung DS Greif“. Ich sitze an Bord des Raddampfers Liberty Belle und geniesse die Gastfreundschaft der Eigner Martha und Beat Bolzern. Backbord ist die „Stadt Uster“ auf einer Extrafahrt zu sehen, von rechts überquert die 80-jährige "Heimat" den Greifensee als ZVV-Fähre von Niederuster nach Maur, dann schweift unser Blick auf die Dampfer Seraphine, Penelope und Greif. So viele motorisierte Vergnügungs- und Passagierschiffe hat der Greifensee meines Wissens in seiner 123-jährigen Schifffahrts-Geschichte noch nie erlebt. Der Greifensee hat als regionales Naheholungsgebiet eine sehr restriktive Zulassungsbeschränkung für Schiffe. Wanderboote sind verboten. Bloss sieben Schiffe sind auf dem 8,5 km2 grossen See - dem zweitgrössten im Kanton Zürich - zugelassen: die Betreiberin der öffentlichen Fahrgastschifffahrt SGG mit drei, die Stiftung zum Betrieb des Dampfschiffes Greif mit einem, dann das Forschungsboot* der Eawag (Eidg. Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz), ein motorisiertes Seerettungsboot sowie das Boot der Seepolizei des Kantons Zürich.

Vor 25 Jahren also kam die „Greif“ wieder unter Dampf, das wird nun würdig gefeiert. Über das Warum erinnert sich der Präsident der Stiftung während der Restaurierung 1983 bis 1988, Peter Surbeck, im Rückblick: „Das Dampfschiff Greif erinnert uns daran, dass die Industrialisierung des Zürcher Oberlandes nicht nur die Landschaft, sondern auch unsere Lebensweise und Wesensart seit langem nachhaltig verändert hat. Als Relikt aus der Pionierzeit der Technik bietet das Dampfschiff der Nachwelt weit mehr als eine nostalgische Attraktion. Jede Begegnung mit diesem ausserordentlich originellen kleinen Dampfschiff trägt dazu bei, unser Verständnis  für die Entwicklung der Technik unserer Zeit zu vertiefen."

Das historische Schmuckstück Greif ist eng mit dem Schicksal der Greifensee-Schifffahrt verbunden. Fünf Jahre nach der Gründung der öffentlichen Schifffahrt war die „Greif“ 1895 das zweite Schiff auf dem Zürcher Oberlandsee. Die „Greif“ hatte eine Kabine, die sich mit Dampf heizen liess und somit auch im Winter einen bedeutenden Mehrwert für die Fahrgäste schuf. Conrad Escher von der Konstruktionsfirma liess es sich nicht nehmen, an der Jungfernfahrt am 12. Oktober 1895 persönlich teilzunehmen, wie Chronisten berichten. „Keiner der am Stapellauf Beteiligten ahnte wohl, dass dem Täufling ein solch langes und erfolgreiches Leben beschieden sein sollte“, berichtet der heutige Stiftungsrat Hans-Peter Schefer in den "Maurmer Neujahrsblätter 2011". Einschneidend für das Schiff war der Ausbau der 12 PS-starken Dampfmaschine im Jahr 1916. Diese wurde an ein Kiesunternehmen am oberen Zürichsee verkauft. Die „Greif“ bekam dann einen neuen Daimler-Benzinmotor, 1943 einen FBW-Occasions-Benzinmotor und 1968 schliesslich ein Bedford-Dieselmotor. 1986 schloss die SGG mit der Stiftung zur Restaurierung zwecks Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes einen Vertrag ab. Schiffsexperte Leo Ullmann erinnerte sich der Dampfmaschine in Nuolen, die auf dem Kiesbagger Nr. 3 der KIBAG bis 1966 gute Dienste leistete. Nun dampft die Originalmaschine in ihrem 118. Lebensalter, 11 ehrenamtliche Heizer/Maschinisten teilen sich die Einsätze unter sich auf – Personalsorgen kennt die „Stiftung zum Betrieb des Dampfschiffes Greif“ nicht.

Pittoreske Szenen spielten sich am Wochenende vom 31. August/ 1. September 2013 auf dem Greifensee ab: nebst den drei Kursschiffen der SGG und der jubilierenden „Greif“ verkehren noch drei andere Dampfboote, die extra zu diesem Anlass eine Sonderbewilligung von der Kantonspolizei Zürich erhielten. Festlich beflaggt dreht die „Greif“ im Halbstundentakt mit bis zu 24 Gäste ihre Runden. Nautische „Action“ am Steg in Maur: links die heuer 80-jährige „Heimat“ vom DS Liberty Belle aus fotografiert. Text und Bilder H. Amstad

*) Seit 1978 hat die Eawag das ehemalige SGG-Schiff Forch benutzt. Es war eine Holzkonstruktion und kam vom Luganersee („Libero“ Baujahr 1937). 2012 ist die „Forch“ im Bootshaus bei einem Sturm leck geschlagen und konnte nicht mehr repariert werden. Darum wurde 2013 ein modernes Aluminiumboot gebaut, welches speziell für Forschung und Lehre auf dem Greifensee ausgelegt ist. Das Schiff heisst „Otto Jaag“ und ist zu Ehren des Umweltschutzpioniers und ehemaligen Direktors der Eawag Prof. Otto Jaag so getauft.

 

 

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