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Sonntag, 08 September 2013 20:05

Ab Isleten Vierwaldstättersee: Dynamit und Sprengstoff an Bord

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Dereuropäische Tag des Denkmals stand dieses Jahr unter dem Motto Feuer, Licht, Energie. Aus hunderten von Angeboten wählte ich das Thema „Alfred Nobels Dynamitfabrik für den Gotthardbahnbau“, ein Besuch mit Führung in die Sprengstofffabrik in Isleten. Hinter der Schiffstation in Isleten versteckt sich geheimnisumwittert und vom Schiff aus nicht einsehbar ein grosses Gelände, auf dem Dutzende von Gebäuden stehen. Hansjakob Burkhardt, Ingenieur und wie er sagt "Hobbyhistoriker", empfängt uns beim Hauptportal: „Die Tore der Sprengstofffabrik Cheddite Isleten sind erstmalig und einmalig für Führungen offen." Im Verlaufe des eindrücklichen Rundganges durch das weitläufige Gelände wurde mir bewusst, welche Bedeutung dieses Industrieareal hatte und aus historischer Sicht heute noch hat. Burkhardt verbrachte seine Jugendzeit auf der Isleten. Sein Vater war von 1928 bis 1963 technischer Direktor. Burkhardt zeigte uns nicht nur den Ort seiner Bubenhütte mit dem Dynamit-Nobel Signet von 1886, er schilderte auch, wer wo auf der abgeschotteten und autonomen Halbinsel wohnte. „Wir waren nahezu Selbstversorger. Es gab nebst einem Landwirtschaftsbetrieb, wo der Pächter zugleich Nachtwächter war, auch eine eigene Anlage, die das Verpackungspapier der Sprengstoffpatronen paraffinierte und bedruckte“. Burkhardt veröffentlichte kürzlich eine 336 Seiten starke Recherche über diese und alle andern Sprengstoffproduzenten in der Schweiz. Der Tages-Anzeiger schrieb: „Das Buch Dynamit am Gotthard – Sprengstoff in der Schweiz gibt Einblick in eine Industrie, über die – weil sie aus Sicherheitsgründen streng abgeschlossen arbeitet – wenig bekannt ist.“

Für den Bau der Gotthardbahn kaufte der schwedische Chemiker Alfred Nobel 1873 das grosse Areal samt bestehender Papierfabrik für seine erste Dynamitfabrik in den Alpen. Es war zugleich seine 11. Sprengstofffabrik der Welt für die Herstellung von „Dynamit“ auf der Basis von Nitroglycerin. Isleten war ein idealer Standort mit verkehrsmässigen Vorteilen am See und einer Abgeschiedenheit, falls doch mal etwas in die Luft fliegen würde, was punktuell vier Mal in den 140 Jahren vorgekommen ist. Die „Dynamit Nobel AG“ wurde 1916 durch die „Cheddite AG“ übernommen. Bis 1951 war Isleten nur auf See- oder Fusswegen zugänglich. Bis 1956 wurden Sicherheitssprengstoffe auch auf die Kursschiffe verladen. Ab 1997 reduzierte die Schweizerische Sprengstoff AG Cheddite die Produktion von Sprengstoffen und beschränkt sich seit 2001 auf die Herstellung von Spezialprodukten. Es ist zu hoffen, dass das heutige Management genug Verständnis aufbringt, die wertvollsten Elemente des einzigartigen Industrieareals zu erhalten. Die Urner Denkmalpflege ist gefordert, bevor sie den im Gange befindlichen Rückbauarbeiten zum Opfer fallen.

Obschon 1874 Isleten eine VDGV-Station bekam und die Dampfschiffe wie erwähnt Sprengstoff auf die Kursfahrten mitnahmen, unterhielt die Dynamit- und Sprengstofffabrik auch eine eigene Schifffahrt. Ich mag mich erinnern, als ich als sechsjähriger Büebel in die dortige Schiffshütte blicken konnte und dabei ein mir völlig unbekanntes Schiff entdeckte; es war angeschrieben mit „Rütli II“. Hansjakob Burkhardt: „1917 bestellte die nun an die Dynamit- und Sprengstofffabrik Cheddite AG in Liestal übergegangene Fabrik bei Escher-Wyss ein neues Dampfmotorboot mit Petrol-, Holz- und Kohlefeuerung für Personen- und Materialtransporte. Es war auch geeignet als Schleppschiff für Transportnauen. Der Kiel ging auslaufend bis ungefähr Mittschiffs, dahinter war der Rumpf flach, womit das Schiff sehr wendig war. Der Rumpf war spritzverzinkt. Nach den Probefahrten auf dem Zürichsee erfolgte die infolge des Krieges verspätete Auslieferung der ‚Rütli II’ erst Anfangs 1920. Schon 1921 wurde das Dampfboot mit einem Schweröl-Benzolmotor (55 PS) zum Motorschiff umgerüstet. Das Erscheinungsbild mit dem Kamin blieb aber unverändert und so wurde die ‚Rütli II’ im Volksmund liebevoll weiterhin ‚Dämpferli’ genannt.“

Hansjakob Burkhardt hat auch die Schifffahrt der Dynamit- und Sprengstofffabrik Isleten aufgearbeitet. Ganz zuhinterst auf dem Fabrikareal, bereits schon in der Isletenschlucht, haben bis heute zwei Gebäude mit Nitrieranlagen überlebt; hier im Bild ein Gebäude, das so geschützt ist, dass bei einer Explosion die Schäden sich in Grenzen hielten. Im vierten Nitrieranlagen-Haus wird heute noch Nitroglycerin für pharmazeutische Zwecke hergestellt (ganz im Hintergrund). Das DS Rütli II war ein Personentransport- und Schleppschiff mit einer Länge von 18 m, einer Breite von 2,9 m und 50 PS Maschinenleistung. Bild 4 Archiv Hj. Burkhardt, Text sowie Bilder 1 bis 3 H. Amstad

 

 

 

 

 

 

 

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