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Die Schiffsstation Isleten-Isenthal ist heute fast ausschliesslich touristisch genutzt; Wanderer vom Isenthal und vom Weg der Schweiz steigen aufs Kursschiff zu oder lassen sich damit zum Ausgangspunkt bringen. Dem war vor ein paar Jahrzehnten anders: das Schiff was hier und anderswo am Vierwaldstättersee ausserdem öffentliches Verkehrs- und Gütertransportmittel. Hans-Jakob Burkhardt lebte als Junge von 1936 bis 1963 auf der Isleten und berichtet im Folgenden als Fortsetzung zum Blog „Ab Isleten Vierwaldstättersee: Dynamit und Sprengstoff an Bord“ von seinen Schifffahrtserlebnissen und über die fabrikeigene Flotte der Dynamit- und Sprengstofffabrik Isleten. „Für die wenigen Anwohner auf der Isleten spielte der Seeweg nach Flüelen und nach Bauen eine Hauptrolle, zum Beispiel zum Einkaufen, für Arztbesuche, zum Coiffeur, für den Schulweg, Ausflüge, Kirchgang, Züglete, Teilnahme an Abstimmungen, Schiessen des Obligatoriums, Besuch der Gemeindeversammlung. Dazu gab es die eigenen Ruderboote mit Motor und die Kursschiffe der DGV/SGV. Ab der Errichtung der Dynamitfabrik Nobel von 1873 besass diese auch eigene Schiffe für Personen und Güter auf dem Urnersee. Das erste Dampfboot war die ‚Rotzberg’ von den Erben Caspar Blättler vom Alpnachersee. Dann folgte 1874 der leistungsfähigere Schraubendampfer Rütli, ehemals von der ‚Dampfschiffgesellschaft des Küssnachtersees. Schon 1908 pachtete die Dynamit Nobel AG Isleten von der DGV das Dampfboot Schwan und übernahm vorübergehend mit eigenem Personal sogar die Lokalkurse der DGV auf dem Urnersee. 1920 kam das 1917 bei Escher Wyss erbaute Dampfboot Rütli II dazu, das bereits ein Jahr danach zum Motorschiff umgebaut wurde (Link). Später besorgten die ‚Reuss’ und die ‚Neptun’ der SGV die Urnersee-Lokalkurse. Nebst den Nauen betrieb die Fabrik zwei Holzjachten der Firma Faul (Horgen) für Personentransporte: ‚Marie-Paul’ und ‚Tom II’. Nach der Erschliessung der Isleten mit einer Güterstrasse wurde ab 1951 der ganze Schiffspark veräussert oder liquidiert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Schweizerische Sprengstoff AG Cheddite das verbriefte Privileg, mit ihren Schiffen an sämtlichen Schiffstationen der SGV anzulegen und diese zu benützen. Während der Schulzeit von 1943 bis 1951 fuhr ich als Schüler täglich nach Flüelen. Auch sonst war die Schifffahrt auf dem See nach Brunnen, Beckenried zum Skifahren auf der Klewenalp oder in der Kriegszeit bis nach Luzern immer ein besonderes Erlebnis. So kannte ich alle Schiffe sowie alle Schiffsbesatzungen und diese auch mich als Stammpassagier. Ich erinnere mich an viele Erlebnisse. In der ersten Primarklasse trällerte ich einmal das Liedchen "Chämifäger, schwarze Maa..." in den Maschinenraum eines Dampfschiffes hinunter und prompt kletterte ein Heizer die Leiter hinauf und strich dem vorwitzigen Schüler das Gesicht mit Kohlenstaub voll, zur Freude meiner Mutter. Einmal vermisste ich zwei Wochen lang mein Schülerabonnement. Weil ich beim Aussteigen nach der kurzen Fahrt in Isleten nicht kontrolliert wurde und genau wusste, welcher Kontrolleur auf welchem Dampfschiff seine übliche Kontrollrunde machte – z.B. im Uhrzeigersinn am Kessel vorbei in den Salon und dann hinauf aufs Oberdeck und dann wieder weiter auf der anderen Seite zurück zur Kassierkabine – bewegte ich mich ‚unsichtbar’ um den Kessel. Irgendwann merkte jemand mein Verschwinden auf der Fahrt und oh Schreck: ich sollte nun in Isleten mein Abonnement vorweisen. Darauf folgte mit Lachen auf den Stockzähnen das strenge Donnerwetter des von der Brücke heruntergestiegenen Kapitäns. Beim nächsten Regentag kam das Abonnement in der Regenjacke wieder zum Vorschein. Oft durfte ich hinauf ins Steuerhaus und stand stolz an den grossen Steuerrädern. Neben den DGV-Kursschiffen nutzte ich jede Gelegenheit, auch mit andern Schiffen nach Hause zu fahren, sei es mit den Fabrikschiffen, mit Militärübersetzbooten oder sogar mit der ‚Katz’, dem Rammschiff der DGV mit der niedlichen Dampfmaschine. Mit der Zeit gefielen mir die täglichen Pendelfahrten nur noch, wenn ein richtiger Föhnsturm tobte oder wenn zur Winterszeit eine undurchsichtige dicke Nebelschicht auf dem See verharrte. In all diesen Jahren während und nach dem Krieg veränderte sich die Schiffslandschaft nach und nach. Im Winter kamen meist nur die kleineren Dampfschiffe in den Urnersee: Winkelried, Pilatus, Gotthard, Italia; ab und zu auch die grösseren Schiffe, wie DS Schwyz, DS Helvetia oder DS Germania. Selten wagte sich das kleine DS Rigi in den Urnersee. Im Sommer, insbesondere an Wochenenden, kamen die Salondampfer zum Einsatz und wenn diese stolz andampften, eilte jedermann ans Ufer oder zur Schiffländte. Den Regelverkehr am Morgen, Mittag und Abend zwischen Flüelen – Isleten – Bauen bewältigten meist die ‚Reuss’ und die ‚Neptun’, mein Lieblingsmotorschiff. Das MS Mythen, im Weltkrieg mit dem vorne eingerichteten und verdunkelten Postraum, benutzten wir bei Föhn ungern, denn es kam vor, dass es in Isleten nicht mehr anlegen konnte und direkt in den Föhnhafen Brunnen fuhr. Später tauchten die grossen Motorschiffe auf, vom MS Waldstätter - Eigernordwand genannt - bis zum stolzen MS Schwyz.“ Dampfboot Schwan legt an der Isleten an (1910); vom Land aus betrachtet an der gleiche Stelle: MS Neptun (1956); Die sog. „edle Einheit“ Rigi im Originalzustand bringt 1959 Fahrgäste aufs Postauto Richtung Isenthal; die „Italia“ auf ihrer letzten Fahrt bei Isleten 1963. An der Schiffländte gibt es immer etwas zu sehen - hier sind Taucher bei der Kontrolle der Schiffländte am Werk. Text und Archivbilder: Hj. Burkhardt Weitere Hintergründe zum Schiffstransport sind dem Buch "Dynamit am Gotthard – Sprengstoff in der Schweiz" zu entnehmen in den Kapiteln "Erschliessung von Isleten auf dem Wasserweg" und der "Strassenanschluss bringt grosse Umwälzungen", ISBN 978-3-03919-248-9.
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Donnerstag, 19 September 2013 19:27












