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Sonntag, 27 Oktober 2013 15:40

Vierwaldstättersee: Motorschiff-Ikone Schwyz nach dem Umbau

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Heute ist der Lucerne Marathon angesagt, der Wetterbericht klingt gut. Doch es regnet am Morgen in Strömen. Zehn SGV-Schiffe sind heute unterwegs und dies im Winterfahrplan. Die „Winkelried“, „Brunnen“ und „Flüelen“ sind seit morgens früh im Pendeldienst zwischen dem KKL in Luzern und dem Verkehrshaus Lido eingesetzt, um Läufer und Zuschauer stresslos und auf dem kürzestem Weg an den Start und zum Ziel im VHS zu bringen. Bis am Abend klettert die Tagesfrequenz auf einen hochsommerlichen Wert von 21 128 Fahrgästen*. Ich besteige den Kurs 13_14, den heute MS Schwyz ausführt. Sehr gut frequentiert verlassen wir die Leuchtenstadt, im Blickfeld noch vier andere SGV-Schiffe, die im Luzerner Seebecken unterwegs sind. Ab morgen ist der „Schwyz“ eine kurze Winterpause gegönnt, der nächste Einsatztag ist das Chlausjagen in Küssnacht am Donnerstag, 5. Dezember 2013 (Link)*.

Endlich komme ich dazu, die Revision des Vierwaldstättersee-Motorschiffklassikers näher zu betrachten. Aussen ist bei der Renovation fast nichts verändert worden, sieht man von der Aufhebung des viert hintersten Fensters (Hauptdeck) ab. Daran wird man in Zukunft das Aufnahmejahr bei Fotos erkennen. Und auch daran, dass das undefinierbare SGV-Rot beim Aussenmobiliar durch ein Braun ersetzt wurde und die Achtern-Aussenbestuhlung moderneren Formen Platz gemacht hat. Fazit: Der Besteller Schifffahrt SGV, die ausführende Schwesterfirma Shiptec und die beratenden Designer Judel/Vrolijk aus Bremerhaven sind mit den historischen Strukturen des Schiffes sorgsam umgegangen. Die Versuchung ist jeweils gross, in solchen Situationen (Gebäude und) Schiffe auszukernen, um neuen Raumstrukturen Platz zu machen, die den heutigen Bedürfnissen besser gerecht werden und Abläufe optimieren. Dass dies bei der „Schwyz“ nicht passiert ist, ist meiner Ansicht nach eine erwähnenswerte Leistung beim ersten Umbau des Schiffes seit 1959. Das grosszügige Mitteldeck, wo einst mehrere Güterwagen parkiert wurden, blieb ebenso erhalten wie die beiden Ausladungen oder das Treppenhaus. Als schade empfinde ich, dass das Holztäfer im vorderen Erstklass-Salon einer nüchternen Kunstoff-Wandbekleidung Platz machen musste. Im ganzen Schiff ist das Thema Schwyz gestalterisch durchgezogen, wobei Zitate des Rütlischwurs wahrscheinlich eher auf das Bundesbriefarchiv in Schwyz Bezug nehmen als auf den „Tatort“, der bekanntlich auf Urner Boden liegt...

 

 

Drei strukturelle Ausnahmen sind auf den ersten Blick sichtbar: eine neue Verbindungstüre vom hinteren 2.-Klass-Raum aufs Freideck verschafft eine Attraktivitätssteigerung des bislang gefangenen Raumes. Der Wegfall der Bar im 2.-Klass-Salon vorne ermöglicht ein grosszügigeres Raumempfinden. Die transparentere Gestaltung zwischen den zwei 1.- Klass-Salons gibt den Blick frei vom Heck bis zum Bug. Gefallen finde ich auch am Hochtisch im 2.-Klass-Salon; er ist gerade zu meinem Lieblingsplatz geworden. Judel/Vrolijk gestalteten auch die “Saphir“, ein beim Publikum beliebtes Rundfahrtenschiff. Und die SGV hat mit dem gleichen Partner nun Grosses vor: die SGV versucht, mit dem Ersatz von MS Rigi einen weiteren Meilenstein zu setzen. Die Zielsetzung der Verantwortlichen ist eine Frequenzsteigerung allein durch das neue Dreideckschiff selber (Inbetriebnahme 2017). Inzwischen freue ich mich, dass die „Schwyz“ dank dieser Investition auf lange Zeit erhalten bleibt und ein ästhetisch wertvolles Werkstück der Schiffsbaukunst aus der Mitte des 20. Jahrhunderts darstellt.

Bild 1: MS Schwyz auf ihrer 2. „Jungfernfahrt“ am 18. Mai 2013. Bei der anschliessend stattgefundenen Besichtigung gaben Jan Kuhnert, CEO von Judel/Vrolijk und Ann Cathrein Jacobsen Auskunft über die intensiv geführten Studien vor dem Umbau der „Schwyz“. Bild 3: Die Gratwanderung zwischen erkennbarem Original- und aktuellem Design hinterlässt auf dem Schiff deutliche Spuren: so sind alle Türen im Glas/Alu-Design von 1959 erhalten, Wandelemente, Bodenbelege und Beleuchtungskörper stammen aus heutiger Zeit - hier mit dem Blick durch den ganzen 1.-Klass-Salon. Interessante Weiterentwicklung der konventionellen Schiffsbank: Die Alu-Holzkombination wirkt leicht und ist ergonomisch. Bild 5: An den Seitenwänden des Hauptdecks wurden Klapptische und -sitze montiert, die unbequem sind. Zwischen den Fenstern sind geschwungene, für mich gewöhnungsbedürftige Stilelement eingebaut. Bilder im Text: Die architektonische Gestaltung hauptsächlich der Innenräume bearbeitete 1959 das Architekturbüro Otto Dreyer, Luzern***. Die Sessel im vorderen 1.-Klass-Salon sind bewusst dem damaligen Schalenstuhl nachempfunden. Bild Textteil links: Schweizerische Bauzeitung, Text und übrige Bilder H. Amstad

*) Quelle M. Scheurer, Leiter Produktion Schifffahrt SGV (Anteil Marathon an der Frequenz: 80%).

**) Der nächste Grossanlass im Winterfahrplan der SGV ist das Rütlischiessen vom Mittwoch, 6. November 2013 (Fahrplan).

***) Die zeitgenössische Beschreibung der „Schwyz“ im Ursprungszustand ist in der Schweizerischen Bsauzeitung nachzulesen (Das Motorschiff "Schwyz" auf dem Vierwaldstättersee, Schweizerische Bauzeitung, 13.4.1961, 79. Jhg., H. 15, S. 245-257 (Link).

Weitere Blog-Texte zum Thema MS Schwyz: „Aus für die Sulzer-Motoren“, „Langsamläufer am Ende“

 

 

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