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Das ehemalige Ostpreussen rühmte sich mit drei Weltwundern: die Wanderdünen des Kurischen Haffs, die Marienburg der Ordensritter und der Kanal, wo Schiffe zu Berge und Tal fahren, um einen Höhenunterschied von knapp 100 Metern zu überwinden. Dieser sog. Oberländische Kanal verbindet die Eylauer Seenplatte (östlich des Weichselgebietes) mit Elbing (Elblag) und somit mit der Ostsee und der Hansestadt Danzig (Gdansk). Der Kanal ist 130 km lang, hat vier Schleusenkammern und auf einer Länge von knapp 10 km fünf Rampen, wo die Schiffe samt Fahrgästen aus dem Wasser gehoben und mit einer Standseilbahn übers Land transportiert werden. Unsere Reisegruppe besteigt in Buchwalde (Buczyniec) die beiden Schiffe Cyranka und Cyraneczka. Während zweieinhalb Stunden erleben wir Aussergewöhnliches: Über physikalisch betrachtet „schiefe Ebenen“ geht es mit uns in vier Etappen abwärts bis zur Anlage Hirschfeld (Jelenie). Auf dem romantischen Wasserweg begegnen wir Schiffen der „Zegluga Ostrodzko-Elblaska" (Reederei Osterode-Elbing), einer weiteren Schifffahrtsgesellschaft. Seit 1992 unterhält der städtische Nahverkehrsbetrieb in Osterode die Schiffe Kormoran, Marabut, Birkut, Pingwin, Labedz und Ostroda (neuestes Schiff aus dem Jahr 1999), plus zwei kleinere mit 36 und 12 Plätzen. Pro Jahr erfreuen sich rund 30 000 ausländische und auch einheimische Touristen an dieser Schiff-Bergbahn. Der Besuch des Maschinenhauses Schönfeld (Olesnica) zeigt Mechanik einer Industriegeschichte des 19. Jahrhunderts: die Anlage funktioniert seit Beginn 1860 ohne Strom. Ein Teil des oberschlächtigen Wassers verlässt durch einen Seitengraben den schiffbaren Kanal und treibt nach Öffnung des Schiebers ein Wasserrad mit acht Meter Durchmesser an. Dieses Wasser fliesst dann neben der „Bergbahn“ als Bach auf das untere Niveau und speist dort die Fortsetzung des Kanales. Die Drehenergie des Wasserrades wird durch ein Zahnrädergetriebe auf die Seilwinde übersetzt. Dieses beginnt nun langsam zu drehen und damit bewegen sich die zwei „Standeilbahnen“, die nun als eine Art Schwimmdocks die Schiffe aus dem Wasser heben und dann über Land fahren. Dabei werden Höhenunterschiede zwischen 13 und 24 Meter auf einer Länge zwischen 350 und 550 m überwunden. Ursprünglich diente der Kanal ausschliesslich der Güterschifffahrt. Der Bau der Eisenbahn 1893 liessen die Tonnagen zurückgehen. Die Gründung einer touristischen Fahrgastschifffahrt geht auf das Jahr 1912 zurück, das erste Passagierschiff hiess Seerose. Heute gilt die Anlage zwar nicht mehr als „Weltwunder“, aber sie ist einzigartig auf der Welt. Als Vergleich wird in der Literatur der Morris-Kanal in den USA erwähnt, der aber inzwischen mehrfach umgebaut worden ist und nur noch sein Äusseres zu einem kleinen Teil erhalten blieb. Hier aber in Polen funktioniert noch alles nach der Konstruktion von Jakob Steenke, der den Kanal vor über 150 Jahre baute. Nun stehen grössere Renovationsarbeiten an. Die Uferbefestigungen sind unterspült und müssen saniert werden. Alle technischen Komponenten wie die Rampen, Schienen, Seilzüge, Wasserräder und Winden werden dabei unter denkmalpflegerischer Aufsicht erneuert. Dadurch kann der Kanal in diesem Jahr bis voraussichtlich Ende August 2014 nicht mehr durchgehend befahren werden. Die gesamten Arbeiten zur Erneuerung des Kanals werden mit mehr als elf Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. Polen ist ein Reiseland, das ich gerne wieder besuche: ausser diesem „Weltwunder“ wäre auch die Masurische Seenplatte mit ihrer Schifffahrt und der reizvollen, unberührten Landschaft ein Ziel. Das Schiff fährt im Kanal ins „Schwimmdock“. Dann beginnt dieses auf den Schienen zu fahren und hebt das Schiff aus dem Wasser (1. Bild). Nach einer leichten Erhebung, die das Wasser abtrennt, fährt die Standseilbahn bergabwärts auf das untere Niveau des Kanals (2. Bild). Die imposanten Umlenkräder sind in freier Natur und drehen z.T. unter Wasser (Bild 3). Unten angelangt „verschwindet“ die Seilbahn unter Wasser und das Schiff schwimmt auf. Bei unserer Fahrt gibt es „Gegenverkehr“: eine bergfahrende Einheit kommt uns entgegen. Ein Blick ins Maschinenhaus: Übersetzungsgetriebe sorgen dafür, dass die Seiltrommel (rechts) mit der richtigen Geschwindigkeit die Seile in Bewegung bringt. Bilder 1 und 5 Cl. Amstad, Text und übrige Bilder H. Amstad Youtube-Beiträge: http://www.youtube.com/watch?v=IBQw0Rk9Ifs http://www.youtube.com/watch?v=yPbJQmMpzzA |
Samstag, 23 November 2013 17:33
Rettung des Oberländischen Kanals in Polen: Wo Schiffe über Hügel fahren
1 Kommentar
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Mittwoch, 22 Januar 2014 08:20
gepostet von Peter Stalder, Geschäftsführer BPG
Sehenswerte nautische Lösung. Wir haben den Kanal in 2007 auf der Rundreise durch Polen besucht. Bewundernswert ist die Antriebstechnologie mit dem Gegengewicht.












