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Mittwoch, 29 Januar 2014 21:47

Prag-Impressionen von der Moldau

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Einen beruflich bedingten Aufenthalt in Prag ergänzte ich mit einem Tag auf und an der Moldau. Michael Bor und Frantisek Vichta, beides tschechische Schifffahrtsexperten begleiteten mich auf meinen nautischen Winterspaziergängen. Erstaunlich, wie viel an diesem grauen und feuchten Januarwochenende los ist. Die Linienschifffahrt der PPS zum Zoo, nach Melnik und Slapy ruhen zwar im Winterhalbjahr, aber es hat immer noch genug Touristen für ein Dutzend Schiffe, die auch im Winter täglich öffentliche Rundfahrten anbieten.

Ich unternehme eine erste Rundfahrt ab der Čechův-Brücke. Hier liegen die allermeisten der rund 100 in Prag stationierten Fahrgastschiffe. Es sieht aus wie in einem Schiffs-Museum: Jedes der Schiffe überbietet mit seiner bewegten Vergangenheit das andere. So interessant das für mich als Schiffsfan sein mag, so kritisch betrachten Fachleute diese Entwicklung. Sie sprechen gar von einem fahrendenden Schiffsfriedhof. Dies nicht aus Sicherheitsgründen, sondern weil dieser europaweit tätige Occasionseinkauf die tschechische Innovationskraft und Schiffsbautechnik schwächt. Ich besteige MS Classic River zur stündigen Rundfahrt zur Karlsbrücke und zurück; mit diesem Schiff konnte ich bereits in Berlin und Hamburg fahren. Der Werdegang des Schiffes ist exemplarisch für viele der Prager Schiffe. Frantisek Vichta hat die Geschichte recherchiert: „Die VEB Schiffswerft in Magdeburg-Rothensee erbaute 1962 acht Schiffe der sog. ‚Dichter-Klasse’. Eines davon war die ‚Bertold Brecht’, die 1962 - 1990 bei der Weissen Flotte Berlin fuhr. Die weiteren Stationen waren dann als ‚Sachsen-Anhalt’ 1990 - 1998 bei Stern und Kreisschifffahrt GmbH Berlin, als ‚Adler River’ 1998 - 2005 bei der Insel- und Halligreederei Paulsen. Schliesslich als ‚Classic River’ 2005 - 2009 in Hamburg bei der Reederei S.P.M.S und nun ab 2009 unter dem gleichen Namen in Prag.“ Ausserdem haben noch drei weitere Schiffe der Dichter-Klasse den Weg nach Prag gefunden: die "Európé" (ex-Erich Weinert), "Cecilie" (ex-Cecilienhof) und "Czechie" (ex-Aktivist).

Eine zweite Möglichkeit, im Winter in Prag Schiff zu fahren ist die Route in den Čertovka-Kanal. Hier trieb das Moldauwasser früher Wasserräder für Mühlen und Handwerksbuden an. Heute sind noch einige Hundert Meter schiffbar. Ausgangspunkt sind Räume unter der Karlsbrücke und dem einzigen erhaltenen Bogen seiner Vorgängerin – der verschwundenen Judith-Brücke. Die Gesellschaft erwuchs aus dem Prager Fährbetrieb (Gründung 1993) und bietet das neue Angebot „Venice of Prague“ seit 2001 an. Das Aussehen des Typs "Vodouch" (Länge 9.80 m, Zulassung 32 Pax) entspricht der Schiffsformtradition des späten 19. Jahrhunderts. Die Flotte "Vodouch" besteht aus fünf Schiffen, die zwischen 2001 und 2010 gebaut wurden: das erste war die "Vodouch", dann kamen die Boote Blatouch, Vodouš, Puškvorec und Blatouš. Weiter hat die Gesellschaft sieben kleinere offene Boote für den öffentlichen Fährbetrieb und Taxidienste in „Prag Venedig" (Länge 6,5 m, Zulassung 11 pax) und ein paar für Prag untypische Schiffe wie venezianische Gondeln.

Ein kurzer Spaziergang führt uns zu den PPS-Dampfschiffen Vltava und Vyšehrad (IV). Auf der „Vyšehrad“ empfängt uns der Bootsmann, der an der Arbeit ist, das Elektrische zu erneuern. Er muss dabei die Innenwände und Decken entfernen, um die Kabel neu zu verlegen. Noch weiter flussaufwärts liegt ein berühmter Schiffskorso mit intakten Schaufelrädern, inzwischen beides mit Flugrost farblich eingetönt. Auch dieses Schiff heisst Vyšehrad (III) und dies seit 1952, wobei das heutige Schiff Vyšehrad (IV) bis 1989 Děvín hiess*. Michael Bor war 1990 für die Renovationsarbeiten der Vyšehrad (III) verantwortlich: „Der Rumpf ist neu geschweisst, Aufbauten waren in Bau, als am 10.10.1991 der Baustopp kam. Die Maschine liegt in der Werft Prag-Podbaba.“ Der Schiffsrumpf, die Schaufelräder und die Maschine sind also vorhanden – eine Chance für das Schaffhauser Dampfschiff-Projekt, fragte ich mich? Ich lasse mich von den Vorzügen dieses Prager Dampfschiffes überzeugen: mit bloss 86 cm Tiefgang (beladen) und einer stattlichen Länge von 62 m wäre es wie gemacht für die Rheinstrecke Schaffhausen – Konstanz, zumal die „Vyšehrad“ III vor der endgültigen Stromregulierung der Moldau über etliche Stromschnellen und in weit engerer Topografie als dies der Rhein darstellt regelmässig bis Slapy fuhr. Die Chancen, dass die PPS morgen mit den Rennovationsarbeiten beginnt, sehen schlecht aus. Ein Kaufangebot der Schaffhauser hätte nach heutiger Einschätzung Aussicht auf Erfolg.

Vier der berühmten Schiffe der DDR-Dichterklasse sind heute noch in Prag unterwegs, so auch MS Classic River. Das jüngste Prager Schifffahrtserlebnis führt von der Karlsbrücke in den Čertovka-Kanal. Während der Rumpf aus Stahl gebaut ist, sind de Aufbauten aus Holz; im Winter wärmt ein Originalschiffer-Holzofen für eine wohlige Wärme. Frantisek Vichta und Michael Bor zeige mir die an sich gut erhaltenen Überreste des vor 25 Jahren stillgelegten Dampfers Vyšehrad (III), heute Kulturschiff. Ein Gang auf der heutigen „Vyšehrad“ IV (ex-Devin) ermöglicht einen ungestörten Blick auf die schrägliegende Compound-Dampfmaschine; sie befindet sich in einem "Maschinenhaus", das auf der Fahrt bloss durch Fenster einen seitlichen Blick zur Anlage zulässt. Text und Bilder H. Amstad

*) Ab 1991 war der Name amtlich auf „Bohemia“ geändert worden, unter diesem Namen fuhr das Schiff aber nie. Ab August 1992 fahrt es unter dem Namen Vyšehrad (IV).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Felix Brun Freitag, 07 Februar 2014 19:55 gepostet von Felix Brun

    Der Einsatz in der Schweiz der Vysehrad ex. Dr. Edvard Benes dürfte zu schwierig sein. Sie müsste als Neubau klassifiziert werden. Zudem sind auf Flüssen zwei unabhängige Antriebe vorgeschrieben. Zuletzt habe ich auch wegen der Höhe meine Bedenken. Diese Einschränkungen verhindern auch den Einsatz der Neuchatel nach Solothurn. Felix

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