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Samstag, 08 März 2014 09:53

Elbedampfer Kaiser Wilhelm als schwimmendes Denkmal saniert

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Vor genau 30 Jahren war ich das erste Mal auf dem Raddampfer Kaiser Wilhelm. Das Wetter war schlecht und wegen einer falsch eingestellten ASA-Zahl für den damalig beliebten Diafilme Kodachrome 64 waren meine fotografischen Erinnerungen für den Abfall bestimmt. Nicht so meine Erinnerungen! Ernst Schmidt und der Reisebegleiter Anton Räber wussten über den urtümlichen, ja fast etwas archaisch anmutenden Dampfer viel zu erzählen. So machte mir also auf der Fahrt von Lauenburg nach Bleckede weniger die Landschaft als der Dampfer selber Eindruck. Erbaut von der Dresdner Maschinenfabrik in Dresden-Neustadt kam der Kohlendampfer als Baunummer 386 im Jahr 1900 in Betrieb. Auftraggeber war die Oberweserdampfschifffahrt von F.W. Meyer in Hameln. 10 Jahre später wurde er auf 57,2 m verlängert, der bis heute einzige Umbau am Schiff! Am Ende seiner Weserzeit kam er um 1970 nach Lauenburg, wo er nun 2014 bereits die 34. Saison unter der Flagge des Lauenburger Schifffahrtsmuseums fährt.

Das schwimmende Denkmal liegt jetzt bei der Hitzler-Werft auf dem Trockenen und soll bis zum Saisonstart am 27. April 2014 (Fahrplan) erneuert werden. Für alle nötigen Arbeiten bräuchte der Verein 2,5 Millionen Euro. 400 000 Euro des Bundes stehen dafür zur Verfügung. "Das, was wir jetzt tun, soll dafür sorgen, dass wir die nächsten zehn Jahre ohne grosse Probleme fahren können", erklärte Markus Reich, Vorsitzender des "Vereins zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums". Die Arbeiten stimmt der Verein mit der Denkmalbehörde ab, um nicht seine Zulassung als Denkmal zu verlieren. Dieser Verlust würde eine neue Klassifizierung beim Schiffs-TÜV mit strengen Anforderungen und damit das Ende des Schiffes bedeuten. Deutschland ist im Gegensatz zur Schweiz Mitglied der Charta von Barcelona. Diese gestattet historischen Wasserfahrzeugen, dass sie nicht den aktuellen Bauvorschriften unterliegen.

Andreas Westphalen hat sich für uns auf der Hitzler Werft in Lauenburg umgesehen und berichtet: „Die Reparaturen am Dampfschiff Kaiser Wilhelm betreffen in erster Linie die Stahlbauarbeiten im Bereich der Radkästen und der Kombüse. Die Radkastenaufhängung, Böden und Innenseitenwände werden komplett erneuert, im Bereich der Kombüse wird der Schiffsboden ausgetauscht, ausserdem werden erstmals Fäkalientanks eingebaut.“

Im April 2012 legte Dr. Ernst Schmidt, der 1970 den Ankauf des Schiffes von der Oberweser nach Lauenburg initiiert und daraufhin 42 Jahre lang die Betriebsführung inne hatte, sein Amt nieder. Dies führte zu tiefgreifenden Diskussionen innerhalb des Vereins und der Mannschaft. Nach einem Jahr voller interner Streitereien, technischer Defekte und mit nur wenigen Fahrgästen ist die Wende nun erreicht: Ein komplett neuer Vorstand und eine grösstenteils neue Mannschaft machen 2014 den Neubeginn, dessen erster sichtbarer Erfolg die besagte Reparatur ist. Westphalen: „Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den nächsten Jahren ein beachtlicher Investitionsstau abgearbeitet werden muss. Die ‚Kaiser Wilhelm’ war seit seinem Baujahr 1900 in jedem Jahr in Fahrt, eine Grundinstandsetzung wie bei den Dresdener und Schweizer Raddampfer gab es noch nie.“ So verfügt das Schiff glücklicherweise über ausgesprochen viel Originalsubstanz, was das Schiff einmalig macht. Die jetzigen Arbeiten sind somit erst der Anfang einer bevorstehenden Erneuerung.

Die „Kaiser Wilhelm“ wird nun auf der Hitzler Werft saniert (fotografiert am 12.02.2014). Schöne Ansicht der schrägliegenden Zweifachexpansionsdampfmaschine mit Stephenson Kulissensteurung mit Handrad und einer Leistung von124 PS. DS Kaiser Wilhelm bei der Oberweser-Dampfschiffahrt bei Fürstenberg (Ansichtskartenstempel vom 1.6.1966) und Archivbild aus dem Jahr 1984: seither hat sich das Aussehen des 114-jährigen Schiffes nicht verändert. Bild 1 A. Westphalen, Bild 4 A. Räber, Text und Sammlung übrige Bilder H. Amstad

 

 

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