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Dienstag, 15 Juli 2014 16:47

Reisebericht: eindrückliche Dampferregatta auf dem finnischen Saimaa

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Wir erleben auf unserer Entdeckungsfahrt durch Südfinnland per Schiff eine aussergewöhnlich warme und schöne Sommerwoche. In Helsinki stand zu Beginn der Besuch des Stätdchens Porvoo auf dem Programm, wo uns die alte „J.L. Runeberg“ (1912) auf einer stimmungsvollen Fahrt durch die Schärenlandschaft nach Helsinki zurück brachte. Mit dem Zug ging es nach Savonlinna, wo uns DS Punkaharju (1905) zur abendlichen Rundfahrt auf dem Saimaa erwartete. Das Seensystem ist 40 Mal grösser als der Vierwaldstättersee. Die mittlere Tiefe beträgt sieben, seine tiefste Stelle 85 Meter. Über 13 000 meist bewaldete Inseln sorgen für eine anspruchsvolle Navigation. Um das ganze Gebiet schiffbar zu machen, gibt es Schleusen; der Saimaa-Kanal verbindet dann das Seengebiet Saimaa mit der Ostsee.

Die Flotte VIP von Kari Leinonen betreibt hier in Savonlinna zwei eigene Dampfer fahrplanmässig (DS Punkaharju und DS Paul Wahl) und fährt im Auftrag der Stadtverwaltung auch die “Savonlinna“ im Charterverkehr. Eine exklusive Führung zeigte uns nicht nur das Schiffs- und Ortsmuseum von Savonlinna, sondern auch die einst gesunkene „Salama“ und den noch weltweit einzigen in Betrieb stehende Teerdampfer namens Mikko. Auch der mit Holz befeuerte Passagierdampfer Savonlinna öffnete seine Tore für uns. Dem Motto folgend, jeden Tag mit einem historischen Schiff unterwegs zu sein, fuhren wir dann auch noch mit der „Paul Wahl“ (1919) aus. Das in Savonlinna ebenfalls beheimatete DS Heinävesi steht schon das zweite Jahr mit Kesselschaden im Hafen. Sein Eigner stellt zwar die Reparatur beherzt in Aussicht, aber die Motivation ist nicht so gewaltig, seit die touristisch interessante Kunstausstellung Retretti in Punkaharju 2012 geschlossen ist. Der Dampfer fuhr jeweils zu dieser unterirdischen, weltweit beachteten Ausstellung.

Der fünfte Reisetag wurde zum vorläufigen Höhepunkt. Bereits um halb zehn Uhr nahm uns der Dampfschlepper Enso an Bord, um in vierstündiger Fahrt Oravi zu erreichen, vorbei an der grössten Festung Nordeuropas, dem Schloss Olavinlinna. Für die nächsten drei Tage stand nun die diesjährige Dampfer-Regatta, wie das Dampfschiff-Treffen auf dem Saimaa genannt wird, auf unserem Programm: heute die Hinfahrt, morgen das Treffen und übermorgen die Weiterfahrt nach Kuopio. Unser Partner-Reisebüro Finlandia aus Zürich engagierte während dieser Tage Petteri Vänttinen, der – selber als Schiffsführer auf MS Pujo aus der Szene -  für uns die Türen öffnete, vom Englischen ins Finnische übersetzte, Reiseleiter und Chauffeur war mitsamt Transporteur von unserem Gepäck. Er war mit grossem Engagement dabei und hofft, dass vermehrt Schweizer Dampfschifffreunde nach Finnland kommen.

In Oravi wechselten wir auf den schmucken Dampfer Puhois: Der 79-jährige Vater der beiden Eignertöchter Nina und Elina, Klaus Rantapuu empfing uns mit gutem Deutsch, überraschte uns mit  kubanischem Rum, lernte einen jungen Steuermann an und stand bei schwierigen Manövern selber am Steuer. Er arbeitete früher als Forstingenieur auch in Österreich und lebte lange in Kuba. Die Gastfreundschaft war beeindruckend und mit seinen Lebensweisheiten war Klaus ein guter Unterhalter: „Schönes Wetter ist gut für die Touristen. Ich liebe schlechtes Wetter, da ist viel mehr los“. Über die Zukunft des ehemaligen Holztransportdampfers setzt er die Hoffnung auf seinen Neffen. Der Dampfkessel und die Maschine sind noch im Originalzustand von 1925; jährlich ist er während rund 50 Betriebsstunden unterwegs. „1954 wurde der Dampfer um sieben Meter verlängert und mit den heutigen Aufbauten versehen; er war vorher der einzige Holztransporter mit seitlichem Holzauflad.“ Seine Frau zauberte uns zum Zvierikaffee (und Bier) eine einzigartige Torte mit finnischen Erdbeeren aus der Kombüse, die wir nicht so schnell vergessen werden.

In Karvana gab es dann am Samstag den ganzen Tag „Action“: gegen Mittag kamen 21 Dampfschiffe aus allen Teilen des Saimaas an, manöverierten zu ihren zugewiesenen Plätzen, meist an improvisierten Landestellen mit Bug auf Land und festgebunden an Bäumen. Die Dampfer waren offen für alle Besuchenden; aus Nah und Fern strömten dampfbegeisterte Finnen herbei. Während Stunden sah ich unsere Reisegruppe nicht mehr...

Vor allem die früheren Fahrgastdampfer der staatlichen Saimaa-Flotte sind inzwischen fast alle renoviert worden, während die Dampfschlepper und dampfbetriebenen Frachtschiffe eher noch im Originalzustand verkehren. Im Gegensatz zur Schweiz gehören hier auch die grossen Dampfer Privaten. Kommerzielle Fahrten lohnen sich kaum, denn eine Schifffahrtssaison dauert hier im besten Fall acht Wochen. Die Unterschiede sind bei den Renovationen bemerkenswert. Während der eine oder andere Dampfer technokratisch (sprich praktisch) und dem Zeitgeist folgend angepasst worden sind, gibt es auch andere Beispiele, die heute als wahre Bijous anzutreffen sind. So zum Beispiel die „Punkaharju“ von der Schifffahrtsgesellschaft VIP, die „Savonlinna“ vom Heimat- und Schifffahrtsmuseum, resp. der Stadt Savonlinnas oder die „Karjalankoski“ von den Holzfabrikantenfamilie Piironen. Dreizehn Geschwister besitzen mit ihren Familien heute die „Karjalankoski“ und unternehmen im Sommer rund 15 Reisen. Unser Guide Petteri Vänttinen hat für uns eine Spezialführung durchs Schiff organisiert, wo wir einiges über das holzbefeuerte Schiff mit dem Jahrgang 1905 erfuhren und beeindruckt waren über den zwischen 2007 und 2013 erfolgten, sorgfältigen Umbau in ein fahrbares „Ferienhaus“. Da bereits früher die Saimaa-Dampfer mehrere Tage unterwegs waren, hatten sie jeweils Kabinen und eine Sauna an Bord. Eine Teilnehmerin meint abschliessend über unsere Reise: „Nichts als Wasser, Inseln, Wälder und blauer Himmel! Es war einfach traumhaft schön und auch ein bisschen abenteuerlich, mit den verschiedensten Dampfern die weite und beruhigende Seenlandschaft Finnlands zu erkunden und zu geniessen.“

Ein „Warm-up“ auf finnische Schifffahrten gab es als Start in Helsinki mit einer Fahrt und einer Lachssuppe auf der „J.L. Runeberg“. DS Savonlinna am Theatersteg der Opernbühne bei der Festung Olavinlinna und DS Paul Wahl. Für sechs Stunden ein Extraschiff für uns: DS Puhois nimmt uns in Oravi an Bord. Kamin an Kamin und viele begeisterte finnische Dampferfreunde feiern in Karvio die diesjährige Dampferregatta. Am vorletzten Reisetag ging es mit über fünf Stunden Fahrt mit dem Dampfschlepper Wipunen nach Kuopio, von wo wir am achten Tag zurück flogen in die Schweiz. Die Schlagzeile der Presse auf unseren Besuch in Savonlinna lautet vom Finnischen übersetzt: „Auf den Wellen des Saimaa Sees ruht sich die Seele aus“ – wie wahr! Bild 2 E. Mischler, übrige Bilder und Text H. Amstad

Weitere Impressionen auf: https://www.facebook.com/schiffsagentur/photos_stream?tab=photos_albums

 

 

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