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Freitag, 25 Juli 2014 12:46

12 Stunden Genfersee-Genuss mit allen 6 Radschiffen

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Ein fulminanter Start einer langen Seereise: der Tag beginnt um 09.55 Uhr mit dem Morgenkurs der "Vevey", die ich in Vevey Richtung Lausanne besteige. Wäre ich am Vorabend in Le Bouveret übernachtet, könnte der Tag bereits um 09.10 Uhr mit Schifffahren beginnen. Mir gefällt die "Vevey", ihre 2013 abgeschlossene Renovation ist besonders gut gelungen und stellt derzeit den Höhepunkt einer sorgfältigen und denkmalpflegerisch gekonnten Gesamtsanierung eines Schiffes auf dem Genfersee dar. Leider hatte das Radschiff seither viel Pech. Unter anderem rammte das Heck am 26. November 2013 in Cully die Pfosten und am 12. Juni 2014 fuhr das Schiff während eines Manövers in Genf in die Anlegestelle Mont-Blanc. Innerhalb kürzester Zeit gelang es der CGN, das Juwel jeweils trotz beträchtlicher Schäden wieder flott zu machen. Ein Teil der Genfer Landungsbrücke musste hingegen abgebrochen und neu erstellt werden, wie ich am Abend feststelle.

In Lausanne erwartet mich nun um 10.45 Uhr der Raddampfer Rhône mit einem schlanken Anschluss Richtung Genf. Der Unterschied  zur "Vevey" bezüglich Bausubstanz ist augenfällig; der Masterplan der CGN sieht vor, die "Rhône" nach der Erneuerung vom RMS Italie ab 2018 komplett zu renovieren. In Rolle verlasse ich das Schiff und nach einem halbstündigen Spaziergang durchs Örtchen erscheint am Horizont um 12.30 Uhr mein dritter Dampfer, die „Simplon“. So wie die „Rhône“ der einzige Rundkurs von Lausanne nach Genf anbietet, macht die "Simplon" diesen von Genf her nach Lausanne. Noch in den Achzigerjahren kannte Genf sechs Abfahrten nach Lausanne (und auch umgekehrt), vier davon bis St-Gingolph und zurück. Tempi passati oder Potential für eine touristische Vision? Ich geniesse den grosszügigen Salon der „Simplon“ auf der Fahrt nach Evian und Lausanne, wo ich um 15.20 Uhr ankomme. Nach dem Umstieg fährt die "La Suisse" nun auf einem 50-Minuten-Direktkurs zu den Walliser Orten ganz zuoberst des Lémans und bringt mich über die Waadtländer Riviera nach drei Stunden wieder zurück nach Lausanne.

Fünf Minuten später heisst es um 18.45 Uhr "Leinen los" mit dem fünften Radschiff von heute, der "Montreux". Sie kommt mir heute extrem laut vor. Da ich nicht essen möchte nehme ich in der 2.-Klass-Rondelle Platz und verstehe mein eigenes Wort nicht. Unter mir brummt der Dieselgenerator und hinter mir zischt die dynamische Dampfmaschine. In einem Gespräch berichtet Didier Zuchuat, Bibliothekar am Musée du Léman und Vizepräsident der Association Patrimoine du Léman APL, immerhin von erfreulichen Aussichten, wenigstens was den 1.-Klass-Salon betrifft: „Der ganze Salon wird im kommenden Winter erneuert. Die Siftung der Gründerfamilie des 'Montreux'-Gastronomen, Inhaber des Beau-Rivage Palace in Lausanne Ouchy, übernimmt die gesamten Kosten. Das Mobiliar und die Wandbekleidungen, die vom verschrotteten Dampfer Valais her stammen, sollen renoviert werden. Neue Teppiche und eine neue historische Beleuchtung lassen das Intérieur wieder in neuem Glanz erstrahlen.“ Vielleicht packt die CGN mit Hilfe der ABVL (Dampferfreunde des Genfersees) im gleichen Arbeitsgang die Chance, den Dieselmotor besser zu isolieren?

Mit mir steigen auch Grenzgänger in Yvoire aus, obschon dieser Ort vor allem ein touristisch beliebter Pendlerort am Genfersee darstellt. Die CGN und die Grenzgänger/innen sind gefordert: 1100 Personen gehen täglich in Evian und 600 in Thonon aufs Schiff, um in Lausanne und Umgebung zu arbeiten, 300 in Chens und weitere Hunderte vom erwähnten Ort Yvoire in Richtung Nyon. Mit dem Umbau der einst formschönen "Ville de Genève" in ein Massentransportschiff sind es mittlerweilen sieben Passagierschiffe, die an Werktagen auf diesen vier Pendlerstrecken unterwegs sind. Was von aussen als „win-win“-Situation bezeichnet wird, hat auch Schattenseiten: Die CGN muss Kapazitätsprobleme lösen. Sie erhält dabei von Frankreich keine Unterstützung. Und die Pendler beschäftigen sich intensiv mit der Frage, wie lange sie nach dem 9. Februar 2014 nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative noch Pendler sein dürfen. Die Schweizer Wirtschaft indes profitiert von ihnen und die Grenzgänger nehmen die höheren Löhne gerne an, obschon Lohndumping nachgewiesen wird.

Nun besteige ich um 20.20 Uhr den Sechsten im Bund: die „Savoie“. Die beiden Kapitäne Michel Bonzon (DS Montreux) und Philippe Robert-Charrue (DS Savoie) verstehen es, die trotz mittelprächtigen Wetter zahlreichen Fahrgäste zu begeistern: sie zelebrieren die Abfahrt mit einem abgesprochenen Pfeif-Konzert (mit Handzeichen), mit einer Parallel-Ausfahrt und einer würdigen Choreografie wie an einer kleinen Parade – der emotionale Höhepunkt des Tages, der für mich zwei Stunden später in Genf endet*.

Bilder: In Rolle besteige ich das dritte Radschiff des Tages, die von Genf herkommende „Simplon“. Die Anzeigetafel der CGN offenbart in Lausanne die attraktivste Flotte der Schweiz für Nachtschwärmer, wo um 18.30 Uhr noch alle sechs Radschiffe im Einsatz stehen. Auf der „Montreux“ präsentiert der Caterer Beau Rivage das Vorspeisebuffet. In Yvoire können Genfer Fahrgäste nach Lausanne umsteigen und Lausanner nach Genf, rechts die „Montreux“, links die “Savoie“. Die „Blaue Flotte“ steht von morgens um 04.40 bis abends um 23.27 Uhr im ständigen Einsatz im Pendlerverkehr zwischen den französischen Orten Evian, Thonon, Yvoire sowie Chens und den Schweizer Städten Lausanne und Nyon (v.l.n.r: MS Ville de Genève, MS Coppet, MS Léman). Text und Bilder H. Amstad

*) Es gibt eine zweite Möglichkeit, alle sechs Radschiffe zu befahren:

La Suisse K202 Lausanne ab 1230 bis St-Gingolph an 1320

Vevey K505 St-Gingolph ab 1338 bis Vevey an 1400, SBB Vevey ab 1435 bis Coppet an 1528 (zu Fuss 400 m)   

Rhône K106 Coppet ab 1535 bis Rolle an 1644

Simplon K107 Rolle ab 1652 bis Versoix an 1845                            

Savoie K388 Versoix ab 1928 bis Yvoire an 2017 

Montreux K488 Yvoire ab 2023 bis Lausanne an 2215

Täglich bis zum 7. September 2014 ohne Montage

 

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