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Samstag, 02 August 2014 15:48

100 Jahre DS Mikko: weltweit letzter Teerdampfer noch in Betrieb

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Das rund 31 Meter lange Schiff mit schwarzem Rumpf und einem schlanken Kamin achtern liegt unscheinbar im finnischen Museumshafen von Savonlinna und sieht auf den ersten Blick nicht spektakulär aus. Beim genauen Betrachten aber entpuppt sich das in diesem Jahr  100-jährige Schiff als Museumsschiff von Weltformat. Viele Schifffahrts-Museen auf dem Globus haben alte Schiffe zu bieten, die meisten mit einer Exklusivität: Das Verkehrshaus der Schweiz mit der „Rigi“ der noch älteste Glattdeck-Schaufelraddampfer der Welt, Bristol zeigt eindrücklich die legendäre „Great Britain“, das Hurtigrutemuseum in Stokmarknes die „Finnmarken“, Oslo das Wikingerschiff usw. Diese Auswahl ist beliebig, nicht aber die Bedeutung der Exponate. Denn – ohne dass dies das Museum in Savonlinna explizit in die Werbung aufnimmt: die „Mikko“ ist mehr als nur einfach ein altes Schiff. Die Kombination der drei zusätzlichen Eigenschaften macht es zu einem besonderen Schiff: es ist in seinem Ursprungszustand belassen (mitsamt dem Kessel), fährt noch regelmässig aus und ist der letzte noch erhaltene Teerdampfer der Welt.

Der Begriff „Teerdampfer“ bezieht sich auf die Machart des Holzrumpfes, der mit Teer behandelt und somit dicht gemacht wurde. Bei Revisionen wird dieses traditionelle Handwerk noch heute eingesetzt. Dabei kommt ein Teer zum Einsatz, der als Naturprodukt aus der Köhlerei entsteht. Im untersten Teil eines Kohlenmeilers, wo aus Holz mit einem kontrollierten Brennvorgang Holzkohle produziert wird, entsteht eine Kondensationsflüssigkeit, die in Finnland abgezogen und als Teer gebraucht wird. Der Teerdampfer war das typische Dampflastschiff im Saimaa-Seengebiet von 1880 bis in die Sechzigerjahre hinein. Insgesamt bauten finnische Maschinenfabriken über 200 solche Teerdampfer, allein das Forstindustrie-Unternehmen Enso-Gutzeit Oy hatte 36 davon im Einsatz. Die Aufgabe dieser Frachtdampfschiffe war es, grosse Mengen Holz nach St. Petersburg zu bringen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Finnland ein eigener Staat und so verlagerte sich der Holz-Transport nach Helsinki.

Ich bin bereits zum dritten Mal auf diesem Museumsstück. In diesem Sommer erklärte uns eine Museums-Führerin einige Details über den Dampfer: „Die Besatzung bestand aus dem Kapitän und einem Steuermann, einem Maschinisten und einem Heizer, zwei Decksleuten und einer Köchin. Sie alle hatten im Heckbereich ihre Kajüten, die unverändert noch heute zu besichtigen sind. Sie verbrachten während der eisfreien Zeit das Leben an Bord. Im Winter suchten  sie Arbeiten im Wald. In einer Saison vom Mai bis November fuhr man 10 bis 20 Mal vom See durch den Saimaa-Kanal zur Ostsee. Es gab mit diesen Teerdampfern Holztransporte bis Dänemark, Schweden und Norwegen. Schiffe innerhalb des Saimaa kamen auf 20 bis 30 Aufträge. Auch volkswirtschaftlich hatten diese Transportschiffe eine grosse Bedeutung: die Besatzung bestand aus Grundbesitzlosen. Das heisst, dass sie keine Selbstversorger und auf Verdienste angewiesen waren, was zu jener Zeit im finnischen Alltag die Ausnahme darstellte. Die Arbeit auf den Teerdampfern war sehr anstrengend aber relativ gut bezahlt."

Die „Mikko“ wurde 1914 in der Maschinenfabrik Savonlinna gebaut. Die damaligen Schleusen des Saimaa-Kanals, der 43 km langen Verbindung des Seengebietes zur Ostsee, bestimmte die Ausmasse jedes Teerdampfers: 31 x 7 x 2,4 m. Für den Bau der Spannten brauchte es 300 und für alle Aufbauten nochmals 600 Baumstämme. Das Schiff kam unter dem Namen Ensi (heute am Steuerhaus so angeschrieben) zum ersten Heimathafen Koivista in der Wiborger Bucht (heute russisches Gebiet), fuhr auf dem Ladogasee, auf dem Fluss Swir und auf dem Onegasee. Nach einigen Eigentümerwechseln kaufte 1937 die Enso-Gutzeot Oy das Schiff und seither verkehrte es unter dem Namen Mikko bis 1963 auf den Saimaa-See. Danach schenkte die Firma das Schiff der Stadt Savonlinna.

Die „Mikko“ kurz vor der Ausfahrt in die Theaterarena am 10. Juli 2014, links DS Punkhaharju; Susanne vom Ortsmuseum Savonlinna erklärt die Geschichte an Hand einer zeitgenössischen Aufnahme, aufgenommen im Rumpf des Dampfers; auch auf dem Deck wurden vorab Birkenholzstämme aufgeschichtet; die "Mikko" wird regelmässig, wenn auch selten aufgedampft; Landsicht auf den 100-jährigen Teerdampfer, rechts DS Saimaa. Bild 1 E. Mischler; übrige Bilder und Text H. Amstad (Bild 4 Sammlung)

 

 

 

 

 

 

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