plus minus gleich
Sonntag, 24 August 2014 18:26

175 Jahre Brienzerseeschifffahrt und 100 Jahre DS Lötschberg

Artikel bewerten
(21 Stimmen)

1839 löste auf dem Brienzersee die Dampfmaschine die Segel- und Ruderschifffahrt nach und nach ab, drei Jahre nach dem Thunersee und vier Jahre nach dem Zürich- und Vierwaldstättersee. Seit 175 Jahren verkehren also Dampfschiffe auf diesem seit jeher touristischen Zubringersee. Zahlreiche Aktionen erinnern in diesem Sommer an dieses denkwürdige Ereignis, so auch eine Ausstellung beim Grandhotel Giessbach, das man sinnigerweise per Schiff und Standseilbahn erreicht.

Gespannt betrete ich den altehrwürdigen Esssaal des Kurhauses. Die Darstellung von 175 Jahre Schifffahrtsgeschichte und die Würdigung vom 100 Jahre alten DS Lötschberg sind in erster Linie mit Schautafeln dokumentiert. Die Gegenstände wirken eher zufällig und sind nicht beschriftet. Das Ganze wirkt auf mich konventionell und auf den ersten Blick wenig einladend. Doch das Interesse an der Sache motiviert mich zum Lesen der Texte und Betrachten der Bilder. Schnell zieht es mich in den Bann. Die Geschichte wird mit Geschichten dargestellt, die faszinieren. Sie sind kurzweilig, fundiert und facettenreich. Die zwei Ausstellungsmacher Josef Gwerder und Jürg Meister schöpfen aus ihrem reichen Fundus. Während das video- und actiongewohnte Laufpublikum der Giessbach-Aufenthalter und Wasserfall-Wanderer jeweils nach zehn Minuten den Saal wieder verlassen, reicht mir die eingeplante Stunde kaum aus. Viele der gegen 100 Bilder sehe ich zum ersten Mal. Sie passen, haben eine angenehme Grösse und laden zum Entdecken ein.

Eine der Trouvaillen der Ausstellung ist eine Aufnahme vom Raddampfer Faulhorn aus dem Jahr 1847. Das Bild ist vermutlich die älteste reale Darstellung eines Dampfschiffes, die es gibt. Das war 20 Jahre vor dem Einsatz von Glasplatten, die bis anhin die gängigen Pionier-Fotos der ersten Dampfer dokumentierten. Dies war zu einer Zeit, wo die "Faulhorn" gar nicht mehr in Betrieb war... Die Technik hiess Daguerreotypie, benannt nach dem französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre, der sie 1835 entwickelt hat. Man verwendete versilberte, spiegelglatt polierte Kupferplatten, die dann belichtet wurden. Es entstanden fein strukturierte Bilder, wo mit der Lupe jede Nuance zu betrachten war. Durch mehrere Zufälle entdeckte man kürzlich 61 solcher Daguerreotypien im Musée guérien in Bulle. Eine Reportage von GEO schliesslich brachte das sensationelle Bild ins nautische Bewusstsein der BLS und der Ausstellungsmacher. Spannend wie aufschlussreich ist in der Ausstellung eine Gegenüberstellung dieses ersten Dampfschiffbildes mit einem zu jener Zeit üblichen Gemälde. Der Vergleich lässt den Schluss zu, dass solche künstlerischen Darstellungen von anno dazumal durchaus die Realität darstellen können.

Die Anfangsgeschichte der Brienzersee-Schifffahrt ist auf den ersten Blick etwas verworren und bizarr. Die Ausstellung begnügt sich nicht damit, die gängige Literatur zu zitieren, sondern ist bestrebt, neuste Erkenntnisse mit einzubeziehen. So wird das gängige Bild korrigiert, Gabriel Matti habe das erste Dampfschiff auf den Brienzersee gebracht, um Fremdengäste von seinem Hotel aus zu den Giessbachfällen zu fahren. Die Ausstellung offenbart nun, dass der Dragonerhauptmann und Weinhändler Gabriel Matti in Vevey lebte, als er 1838 ein Occasionsschiff erwarb, das auf dem Genfersee privat als „Echo“ unterwegs war – übrigens mit der ersten oszillierenden Maschine der Schweiz*. Er sah, dass das erste Dampfschiff auf dem Thunersee grossen Erfolg hatte, warum sollte das auf dem Brienzersee nicht auch gelingen? Der Transport vom Genfer- auf den Brienzesee war mit unglaublichen Schwierigkeiten verbunden. 1839 kam das Schiff dann als „Giessbach“ I in Betrieb. 1842 gab es Konkurrenz: das Thunersee-Schiff Bellevue wurde auf den Brienzersee disloziert und in „Faulhorn“ umgetauft. Matti sah sich um seine Pionierrolle betrogen und versetzte darauf seine „Giessbach“ auf den Thunersee. Aber auch die „Faulhorn“ bekam wenig später auf dem Brienzersee Konkurrenz mit dem Schraubendampfer Giessbach (II).

Ich verbinde den Besuch der Ausstellung mit einer Schifffahrt auf den drei Einheiten Lötschberg, Jungfrau und Brienz. Dank dem guten Fahrplan sind nun wieder einige Kombinationen möglich. Das BLS-Angebot hatte 2007 den Tiefpunkt erreicht, als ein rigider Sparkurs noch 5 Kurspaare ermöglichte, was gegenüber dem Sommer 2002 gerade mal die Hälfte (!) darstellte. Frequenzeinbrüche mitsamt dem Umsatz waren die Folge, ohne dass die Schifffahrt nur annähernd schwarze Zahlen geschrieben hätte. Der Kanton Bern verweigerte jegliche Zuschüsse. Das Management wurde dann ausgewechselt und dem pensionierten SGV-Direktor Hans Meiner die Aufgabe gestellt, die Strategie zu ändern. Es gelang ihm, die Gemeinden am See finanziell „ins Boot zu holen“. Heute sind es immerhin wieder 7 Kurspaare, an einzelnen Wochentagen im Sommer gar 8. Der grösste Gewinn der neusten Entwicklung sind aber die schlanken Zugsanschlüsse vom Wallis, von Bern und Luzern her sowie umgekehrt. Meiner hat nun am 1. August 2014 das Unternehmen wie geplant nach drei Jahren verlassen; der neue Leiter der BLS Schifffahrt ist Claude Merlach.

100 Jahre DS Lötschberg; so traurig das schlechte Sommerwetter 2014 für die Schifffahrt ist, so genussreich ist sie auf den nicht überfüllten Schiffen, im Hintergrund das Grandhotel Giessbach. Dieses Werkbild von Escher Wyss war am Tag der offenen Werft 100 Jahre DS Lötschberg zu sehen. Rund 20 Jahre vor der eigentlichen Erfindung der Fotografie gab es eine Art Vorläuferprodukt, die sog Daguerreotypie, die das zweite Brienzersee Dampfschiff zeigt. Die stimmungsvolle und im Vergleich zur Aufnahme sehr detailgetreue Gouache von Louis Bleuler ist ebenfalls ausgestellt. Die Motorschiffe wie hier der Transport der „Harder“ vom Thuner- zum Brienzersee machen die Ausstellung umfassend (heute als MS Schwan auf dem Zugersee unterwegs). Das Modell der „Lötschberg“, ein wuchtiges Steuerrad und Windhutzen bilden die 3-D-Exponate der Ausstellung. Text, Bilder und Repro H. Amstad

Der Sommerfahrplan gilt noch bis zum 19. Oktober 2014, die Ausstellung ist ebenfalls bis zu diesem Datum täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, die Giessbachbahn kostet neun Franken retour (keine Ermäsigungen).

*) Quelle: Jürg Meister „Transport und Tourismus – Pioniere der Dampfschifffahrt“ 2009 (Link)

Weiterer Literaturhinweis: Dampfschiff *Lötschberg* - Das Flaggschiff der Brienzersee-Flotte, Bordbuch (Link)

Fahrordnung Brienzersee: Link, rechts oben anklicken

Ergänzung: zum letzten (B)Logbuch-Eintrag Brienzersee (hier)

 

Schreibe einen Kommentar