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Samstag, 13 September 2014 19:41

Bentornato Patria – stimmungsvolle Abendfahrten auf dem Comersee

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Unter dem Slogan „Bentornato Patria“ – frei übersetzt „gut zurückgekehrt, Patria“ – feiert man 2014 die Wiederinbetriebnahme dieses Comersee-Raddampers. Die Einweihung fand nach fast 10 Jahren Stillstand bereits am 19. Juli 2013 statt, nach diversen Verschiebefahrten zur technischen Ausbesserung und zu Ausstellungszwecken führt das Schiff aber erst seit dem 21. Juni 2014 öffentliche Fahrten durch. Am letzten August-Wochenende genoss ich eine herrliche Abend- und Nachtfahrt mit dem Dampfer im nördlichen Seeteil zwischen Colico und Gravedona. Für die Anreise wählte ich den Schnellkatamaran Tivano von Como nach Colico und durchfuhr so den 51 Kilometer langen See von Süd nach Nord inklusive 10 Stationen in nur 97 Minuten. Für die Schnellkurse stehen neben dem Katamaran auch noch Tragflügelboote zur Verfügung. Der Comersee in seiner charakteristischen Y-Form wird von der Adda durchflossen, welche im Norden in Colico in den See mündet und diesen bei Lecco im Süden wieder verlässt, während der andere Tel des „Y“, der Comer Arm, keinen Abfluss aufweist.

Nach dem Einstieg auf den Dampfer begleitete die Musik von Davide van de Sfroos mit Geigen- und Gitarrenensemble die Schönheiten der Abendfahrt auf dem Comersee.  Die einmaligen Stimmungen mit Dampf, Wolken und Bergketten des nördlichen Seeteils wurden abgerundet mit einem feinen lokalen Apéro. Nach der Rundfahrt legte das Schiff in Gravedona an, wo die Fahrgäste einem einzigartigen Programm mit lokalen Künstlern beigewohnen konnten. Auch Dorfführungen und kulinarische Spezialitäten aus der Region wie etwa das lokale „Rustii“ (ein Mix aus Polenta, Käse und Kartoffelstock über dem Holzfeuer gebraten) wurden angeboten. Nach dem interessanten Abend folgte die ebenso spannende Nachtfahrt mit der „Patria“ zurück nach Colico. Das Konzept erinnert an die Dampferfahrt der „Ukkopekka“ vom finnischen Turku hinaus auf eine Insel, wo dann an Land die Musik zum Tanz aufspielt und ein Buffet lokale Spezialitäten anbietet.

Ein Blick in das Geschichtsbuch des 88-jährigen Comersee-Dampfschiffes zeigt, dass er in der Werft in Dervio am 7. Juni 1926 gewassert und am 31. Juli auf den Namen "Savoia" in Betrieb genommen wurde. Die Umtaufe von Savoia in Patria erfolgte im Juli 1943, nach dem Bruch zwischen Mussolini und Hitler beziehungsweise dem Beginn der Invasionen im Süden Italiens durch die Alliierten. Damals verschwanden alle Schiffsnamen, die im Entferntesten etwas mit der faschistischen Regierung zu tun hatten. Ausragendes Ereignis war der Tieffliegerangriff der Amerikaner vom 10. Januar 1945 auf das fahrende Schiff, wobei leider fünf Tote und 15 Verletzte zu beklagen waren*. In der Nachkriegszeit wurden Brenner und Kessel von Kohle auf Öl umgebaut. Um 1950 und in den Jahren 1966, 1972 sowie 1983 modernisiert stellt die „Patria“ eines der letzten Beispiele der Halbsalon-Dampfschiffe der europäischen Ländern dar, zusammen mit der „Concordia“, der „Hohentwiel" auf dem Bodensee und der "Thalia" am Wörthersee.

Unsere Fahrt wurde nicht von der Schifffahrtsgesellschaft auf den Oberitalienischen Seen durchgeführt, die sonst den Linienverkehr auf dem Lago Maggiore, dem Garda- und Comersee aufrecht erhält, sondern von einer privaten Gruppe von Kulturschaffenden. Eigentümerin von DS Patria ist nicht mehr die staatliche Schifffahrt Gestione Governativa navigazione laghi sondern die Provinzregierung und -verwaltung von Como, welche die Renovation und Inbetriebnahme geplant und finanziert hat. Die letzte Fahrt im 2014 findet am 21. September anlässlich des Festivals Terra & Acqua in Carate Urio statt (Link). Ich freue mich heute schon auf ein spannendes Programm im 2015 und… wer weiss, vielleicht auch auf eine gemeinsame Parallelfahrt mit der „Concordia“, welche fast fertig renoviert in der Werft steht**. Bei beiden Schiffen sind noch finanzielle Herausforderungen zu meistern, träumen von weiteren herrlichen Dampferfahrten auf den Oberitalienischen Seen ist allerdings erlaubt. Bentornato Concordia e Patria?

Bilder: Die „Patria“ festlich beflaggt bei der Ankunft in Colico. Stimmungsbild, wie es anno 1926 gewesen sein könnte. Dorf- und Kulturfest in Gravedona. Ein Blick ins Steuerhaus zeigt die einfache, grösstenteils historische und noch gut funktionierende Nautik-Ausrüstung. Ein Bild aus trüblicheren Zeiten: Tarnung eines Dampfschiffes im Verkehr von 1944. Der Katamaran Tivano reicht trotz der Faszination Jet-Antrieb und Tempo der Ästhetik eines Raddampfers nicht das Wasser. Text und Bilder M. Bisegger

*) Comersee-Kenner Mario Gavazzi hatte kürzlich die letzte noch lebende, inzwischen 98-jährige Zeugin dieser Attacke kennen gelernt – Signora Teresa Della Torre erzählte über das schreckliche Erlebnis von 1945 bei der "Patria"-Einweihung vom Juli 2013 im Beisein der Gäste: "Sie berichtete, dass das Schiff aus der Luft beschossen wurde. Sie hatte überlebt, weil sich eine Ordensschwester schützend auf sie warf – letztere wurde von den Salven getötet und die junge Mutter überlebte. Was für eine Geschchte…" Im Anschluss wurde die "Patria" wie viele andere Kursschiffe mit Bäumen und Gestrüpp getarnt. Einige Schiffe wurden auf dem Fluss Mera oberhalb von Colico verankert, andere entlang der Isola Comacina. Gavazzi: "Gemäss der Geschichtsschreibung ist von 'anglo-amerikanischen' Jagdflugzeugen und –bombern die Rede. Für diese waren Schiffe und Züge wegen der Kohlefeuerung ein leicht zu findendes Ziel und das erklärt die vielen Angriffe, die 1943 begannen und erst im April 1945 – als es fast zu spät war – zur gänzlichen Einstellung des Schiffsverkehrs führte. Der Angriff auf die 'Patria' war nur einer von vielen; auch die 'Concordia' wurde angegriffen, mit weniger schlimmen Folgen. Vereinzelt waren auch auf anderen Schiffen Tote und Verletzte zu beklagen, aber nirgends so viele wie im Januar 1945 auf der 'Patria'."

**) M. Gavazzi zum Stand der „Concordia“: „Die Revision des Schiffes musste im Frühling 2014 wegen Konkurses jener Unternehmung eingestellt werden, welche den Auftrag für diese Arbeit erhalten hatte. Seitdem stehen die Arbeiten still und seit kurzem ist das Schiff – ungefähr zu 80% fertig gestellt – wieder im Aussenbereich der der Werft abgestellt und der Witterung ausgesetzt.“ Die Weltausstellung Expo 2015 in Mailand beginnt am 1. Mai; Gerüchten zu Folge könnte das der Grund sein, dass die "Concordia" im nächsten Jahr wieder in Betrieb kommt.

Weiter im Text: „Bentornato Patria“ heisst auch das Buch, welches bei der Schiffs-Agentur unter folgendem Link erhältlich ist.

Blog „Vielfältige Comersee-Flotte mit über 3 Mio Fahrgästen“ vom 9. April 2012 "Link"

Blog „Kursspezialität DS Concordia“ vom 25. September 2011 „Link

 

 

 

 

 

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