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Mittwoch, 26 Oktober 2011 20:11

Saisonende, auch in Luzern ein besonderer Tag

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Der letzte Tag des Herbstfahrplans ist fest gebucht in meiner Jahresagenda. Manchmal bläst der Föhn, ein anderes Mal liegt der Schnee zum Greifen nah, im kommenden Jahr ist’s fast ein Spätsommertag oder es liegt Nebel über dem Vierwaldstättersee wie am Morgen des 23 Oktober 2011. Immer gleich aber bleibt die Bedeutung und der Erlebniswert dieses Tages: einige Schiffe sind festbeflaggt, Sonderbei- und -einlagen der nautischen Mannschaft, ein herzliches Adieu-Sagen und -Winken unter den Schifflern und an den Stationen. Und es ist der letzte Tag der Dampfschiffe. Die „Unterwalden“ war mit den Dampferfreunden und einer fetzigen Musikkapelle unterwegs, die „Schiller“ machte eine gediegene Ehrenrunde nach Küssnacht und die „Stadt Luzern“ bediente ein letztes Mal in der Saison den Wilhelm Tell-Express mit Dampf. Für manch einen ist es auch der letzte Arbeitstag, ein besonderer und emotionaler Moment im Leben eines Seebären. Die Fahrgäste können es kaum glauben, dass der frohgelaunte „Stationsvorstand“ von Vitznau, Hans Woodtli, zum letzten Mal Auskunft erteilt, einen Spass auf Lager hat und die Kundschaft wortgewandt und charmant berät. Die schöne Servietten-Winkaktion von Kuno Steins „Stadt Luzern“ ging ihm dabei besonders ans Herz. Alois Kaufmann, bis vor Kurzem Kapitän mbA („mit besonderen Aufgaben“ wie z.B. Instruktion) und Chef des Flaggschiffes „Stadt Luzern“, hat seine letzte Kursfahrt auf der „Rigi“ erlebt, von Luzern in seine neue Wahlheimat Flüelen. Viele Fahrgäste werden auch ihn in Erinnerung behalten: er war stets die Ruhe selbst, ein ausgezeichneter Nautiker und ein zuvorkommender und freundlicher Mensch zu seinen Mannschaften und den Passagieren.

Nicht pensioniert, dafür still gelegt wurde an diesem Tag auch die Bürgenstock-Bahn, die während 123 Jahren Ausflügler und Adelige, Promis und Wanderer gleichermassen auf den beliebten und schönen Aussichtsberg hinauf- und hinunterseilte. Eine kleine Feier besiegelte die letzte Kursschiffabfahrt für Jahre: die Ehre fiel DS Unterwalden zu, die Goodby-Grussbotschaften der ganzen Bürgenstockbahn-Belegschaft in Empfang zu nehmen. Dutzende von Ballone entglitten dann wehmütig zum Himmel, als das letzte Kursschiff ablegte. Nachdem schon 1877 zwischen Lausanne und Ouchy die erste Standseilbahn der Schweiz eröffnet wurde, erteilte der Bundesrat am 7. Juli 1888 die Betriebsbewilligung für die erste elektrisch betriebene Standseilbahn auf den Bürgenberg. Während andere Bahnen inzwischen wie jene von Lausanne um- oder neu gebaut wurden, stellt die Bürgenstockbahn eine der ältesten Standselbahnen der Schweiz dar, ein historisches Juwel. Vorgesehen ist zwar, dass sie im Frühling 2014 wieder fahren soll, wenn dereinst das riesige Ferienressort auf dem Bürgenstock gebaut und die Bahn direkt in eines der zahlreich neu gebauten Hotels einfahren kann. Doch kommen mir beim Betrachten der gigantischen Vorhaben (60 Hektaren werden überbaut) auch leise Zweifel auf, ob und wann die Bahn tatsächlich wieder zu fahren kommt. Gibt es die Staatsanleihen von Katar bis dann noch, wenn es um die Finanzierung des 300 Millionen Franken teuren Vorhabens geht?

Fotos: Hans Woodtlis letzter Arbeitstag (Text und und Bild H . Amstad); dasselbe gilt für Kapitän Alois Kaufmann, hier umrahmt von Patrik Niederberger (l) und Kurt Hunziker (Bild E. Buholzer)

 

 

 

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