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Unsere Reise mit dem Flusskreuzfahrtschiff Johannes Brahms vom polnischen Danzig zum russischen Kaliningrad beginnt mit einer Überraschung. Danzig gefällt uns: eigenwillig, freundlich, gute Bausubstanz, die ganze Stadt ist zu fuss angenehm zu entdecken. Das Schiff legt direkt von der Altstadt ab und nimmt Kurs Richtung Frischem Haff. Die Fahrt durch die drei Wasserstrassen Tote Weichsel, Weichsel und Elbinger Weichsel ist von ergreifender Schönheit: Natur pur, nur wenige Meter trennen uns links und rechts vom flachen Ufer. Unsere ornithologische Reisegruppe aus England flippt aus, so viele Vögel gibt es zu beobachten. Dafür wird meine auf Schiffe fokussierte Kamera auf Fastenkur gesetzt: während der ganzen Woche begegnen wir dem einzigen, lokalen Passagierschiff, der „Monika“. Ausser in Danzig natürlich, wo zwei Anbieter stündliche Fahrten zur Westerplatte durchführen, dorthin, wo am 1. September 1939 der 2. Weltkrieg ausgebrochen ist und heute eine Gedenkstätte daran erinnert. Die „Brahms“ fährt eine andere Route, gleich nach dem Verlassen der Altstadt biegt sie bei der ebenfalls geschichtsträchtigen Leninwerft nach Steuerbord in die sog. Tote Weichsel. In dieser Werft wurden seit den 1970-er Jahren illegale Streiks durchgeführt, die von der Staatsmacht jeweils blutig niedergeschlagen wurden. Lech Wałęsa gehörte seit Mitte der 1970-er Jahre zum Streikkomitee der Arbeiter, wo 1980 die Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde. Die Werft gilt als Keimzelle der demokratischen Bewegung Polens; der Gewerkschaftsführer Lech Wałęsa wurde am 9. Dezember 1990 zum Präsident Polens gewählt. Auf der Fahrt passieren wir vor und nach der Fahrt auf der Weichsel zwei Schleusen, die vor allem dem Hochwasserschutz dienen. Dabei wird jene von Gdanska Glowa noch von Hand bedient. Die „Brahms“ ist für diese Schleusenkammer zu lang. Eine besondere Konstruktion ermöglicht das Passieren trotzdem: hinter dem eigentlichen Schleusentor schliesst nun eine Metallplatte die Wasserkammer. Bald erreichen wir das Frische Haff, einer Wasserfläche anderthalb so gross wie der Bodensees. Der Ballasttank unseres Flussschiffes wird gefüllt und der Tiefgang um 30 cm erhöht, um die Seitenwindstabilität zu verbessern, der dritte Reisetag ist angebrochen. Es gibt in der Ostsee drei Haffs (Haff = kleines Meer); die tiefste Stelle des Frischen Haffs beträgt bloss vier Meter, die Schifffahrtsrinne durch das Brackwasser ist mit Seezeichen versehen. Die Einfahrt nach Kaliningrad führt über einen interessanten Kanal. Er ist so tief, dass auch grosse Meerschiffe von Pillau nach Kaliningrad fahren können aber nur so breit, dass ein Einbahnverkehr nötig ist. Das einst blühende Königsberg präsentiert sich aber als grosse Enttäuschung: herunter gewirtschaftet, im Verkehr erstickt, korrupt. Der ganztägige Busausflug hingegen zum Kurischen Haff und zur ältesten Vogelwarte der Welt ermöglichen spannende und durchaus ambivalente Einblicke in eine Gegend, wo Touristen Seltenheitswert haben. Die „Brahms“ fährt mit uns wieder zurück, insgesamt sind wir diese Woche 360 km unterwegs und dies ausschliesslich am Tag. Das lohnt sich, weil es auf der Fahrt zu den fünf Orten immer etwas zu bestaunen gibt. So zum Beispiel ein Ausflug an den Oberländischen Kanal, wo Schiffe in Standselbahnen über Berge fahren – mehr darüber in einem der nächsten Blogeinträge. Die „Johannes Brahms“ im Hafen von Tolkmicko (Tolkemit); Fahrt durch die naturnahe Wasserstrassenlandschaft (Bild C. Amstad), es gibt viel zu tun an Bord für Ornithologen; MS Johannes Brahms legt wieder in Danzig an, wo die Altstadt leicht zu erreichen ist (Bild H. Graf). Text und nicht erwähnte Bilder H. Amstad. |
Freitag, 06 Juli 2012 20:38











